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Der VdM-Regionalkreis Südwest besucht L’Orange

Kolben mit einem Meter Durchmesser, die sich drei Meter auf und ab bewegen, Hubraum gute 2000 Liter, Leistung pro Zylinder bis über 3000 PS oder gut 2000 Kilowatt, 160 Umdrehungen pro Minute. Bis zu 20 solcher Zylinder: Der geneigte Leser ahnt, dass von  Großmotoren die Rede ist. Exakter von Groß-Dieseln, wie sie Kreuzfahrt- und Containerschiffe antreiben: bis über 400 Meter lang, gute 50 Meter breit, mit 20 000 Containern bepackt oder mit 6000 Autos im Bauch.

In die Brennräume dieser bis zu 32 Meter langen und 3000 Tonnen schweren Mo-toren wird Diesel (und Schweröl) eingespritzt. In Mengen von zwei Schnapsglä-sern pro Takt, in mehreren Portionen, mit Drücken bis 2500 bar – letzteres ganz ähnlich wie beim Personenwagen. Düsen und Pumpen haben, mit jenen verglichen, natürlich XXXL-Format. Spezialist für solche Einspritzungen ist L’Orange. Das Unternehmen besuchte der VdM-Regionalkreis Stuttgart, wie gewohnt ergänzt durch einige Kolleginnen und Kollegen vom MPC

Die Einladung begann mit einer Busfahrt von Stuttgart in den immer idyllischer werdenden Schwarzwald. Wo Fuchs und Has sich Gute Nacht sagen, in einem 800-Seelen-Ort namens Glatten, residiert das Hitec-Unter¬nehmen, das weltweiter Marktführer ist in der Diesel-Einspritztechnik für Großmotoren, das rund um den Globus so gut wie alle Hersteller beliefert. „Unser Standort hier geht auf den Krieg zurück“, erzählt Geschäftsführer Dr. Ing. Ralph-Michael Schmidt, „damals war L’Orange in Stuttgart. Um nicht den Bomben zum Opfer zu fallen, wurden wir hierher verlegt!“ Dass er eine hervorragend motivierte, loyale Mannschaft hat, dass in drei Schichten produziert wird, fügt er hinzu: „Alle sind hier glücklich.“

L’Orange gehört zu Rolls Royce – genauer: zu Rolls Royce Power Systems. Der Name ist in der Öffentlichkeit vielleicht weniger präsent. Dabei gingen von hier wesentliche Impulse aus: 1909 erfindet Prosper L’Orange das Vorkammerprinzip. Es macht den Dieselmotor serientauglich auch für Fahrzeuge. 1950 wird das Pumpe-Düse-System patentiert. Im Auto setzt es vierzig Jahre später neue Maßstäbe für Leistung und Effizienz. 1996 wird die erste elektronische Common-Rail-Einspritzung für große Dieselmotoren entwickelt. Heute ist Common Rail weltweiter Standard für große wie kleine Diesel.

Entwicklungschef Dr. Michael Willmann bringt den VdM- und MPC-lern die Eigenheiten von Großmotoren nahe – „Leerlaufdrehzahl 6 U/min, in Worten sechs Umdrehungen pro Minute“. Beim Rundgang beeindruckt die Bearbeitung großer Metallteile auf Tausendstel-Millimeter genau: „Mit solchen Toleranzen arbeitet keine andere Industrie“! Im Gespräch zeigt sich, dass die Probleme der Pkw- und der XXXL-Ein¬spritzung nahe beieinander liegen: Auf die Abgas-Qualität kommt es an, auf das Vermeiden von Ruß und Stickoxiden – und auf die Effizienz. „Se-hen Sie“, so der Entwicklungschef, „so ein großes Schiff verheizt in 24 Stunden Sprit für 60 000 Dollar. Zwei Prozent weniger Verbrauch sind 1200 Dollar – und 360 000 Dollar an den 300 Tagen, die so ein Schiff pro Jahr unterwegs ist!“

Was die VdM- und MPC-Runde erlebt, sprengt im wahrsten Sinn des Wortes die Dimensionen, die Journalisten gewohnt sind, die sich normalerweise mit Straßen-fahrzeugen beschäftigen. Sie lernen eine Menge und treten nach Einkehrschwung in Freudenstadt voller Hochachtung den Heimweg an – und sagen ganz herzlich Dankeschön.

Stefan Woltereck

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