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Gruppenbild mit Rekordwagen

Beim diesjährigen Treffen der Dieselring-Träger war ein betagtes Automobil der Stargast.

Der Auftritt war kurz und unerwartet. Kaum hatte beim diesjährigen Treffen der Dieselring-Träger in Hildesheim der aktuelle Preisträger, Prof. Dr.-Ing. Ulrich Hackenberg seine „Antrittsvorlesung“ im Kreis der Preisträger zum Thema „Zwei Erfolgsgeschichten: Der neue Audi TT und die Entwicklung zum pilotierten Fahren“ gehalten, stand pünktlich zur ersten Kaffeepause ein Fahrzeug vor der Tür des Tagungshotels, das alle Betrachter sofort in seinen Bann zog: ein Hanomag-Rekordwagen mit geradezu abenteuerlicher Historie. Das Original des einst in Hannover konstruierten Wagens mit seiner auffälligen Aluminiumhaut wurde im Zweiten Weltkrieg restlos zerstört. Dieser stromlinienförmig verkleidete Rekordwagen basierte weitgehend auf damaliger Serientechnik. Vor 75 Jahren erzielte der Wagen auf der Autobahn bei Dessau vier Weltrekorde. Einer davon: Die Höchstgeschwindigkeit von 165 km/h. Als Antrieb diente ein 1,9-Liter-Dieselmotor, der 35 PS bei 3.300 U/min leistet. (Zum 75-jährigen Jubiläum der Rekordfahrtenstrecke war der Hanomag-Rekordwagen Anfang Oktober bei Dessau noch einmal auf die Strecke gegangen. Den Bericht dazu lesen Sie hier.)

Blick in die Vergangenheit

Die zwölf Träger des Dieselrings waren sichtlich angetan von dem Restaurationsobjekt, das mangels vollständiger Karosse ungeschützten Einblick in sein Innenleben erlaubte. Entstanden ist das fahrbereite Fahrzeug durch ehrenamtliche Tätigkeit der Hanomag-Interessengemeinschaft. Der Motorjournalist Horst-Dieter Görg, einer der Väter des Restaurierungsobjekts, erläuterte dem illustren Kreis der Dieselring-Träger das Projekt und nutzte die Chance, in der Runde der Dieselfreunde für weitere (finanzielle) Unterstützung zu werben. Dem aktuellen Dieselring-Träger Hackenberg überreichte er – sozusagen als Anregung dazu – das von Görg jüngst herausgegebene Buch 100 Jahre Effizienz – Rudolf Diesel und die Landtechnik*). Das Buch geht auch auf den Rekordwagen ein. 

Vom originalen Rekordfahrzeug selbst gibt es nur noch einige Fotos und Zeichnungen; doch die Hanomag-Freunde fanden nach langer Suche ein taugliches Chassis und auch einen passenden Motor. In aufopfernder Eigenleistung, finanziell unterstützt durch zahlreiche Sponsoren, entstand ein inzwischen immerhin fahrbereites und teilverkleidetes Gefährt, das ahnen lässt, wie der Rekordwagen einst aussah. Bis er aber in voller Schönheit erstrahlt, sind außer viel Arbeit noch weitere 50.000 Euro nötig, wie Görg vorrechnet. Wie sich der wiederbelebte Motor anhört, ließ sich indes heute schon feststellen – ebenso wie der typische Geruch des Dieselaggregats. Zum obligatorisch en Gruppenbild musste der bollernde  Motor freilich schweigen.

Blick in die Zukunft

Nur ungern ließen sich die Dieselring-Träger danach wieder in den Konferenzsaal bitten, bei dem die auch in diesem Jahr von der UDV (Unfallforschung der Versicherer) großzügig unterstützen Tagung weiterging. Doch nach dem Ausflug  in die Historie der Dieseltechnik stand wieder Aktuelles an: das zweite Referat des Tages.  Prof. Dr.-Ing. Rodolfo Schöneburg knüpfte an das Thema seines Vorredners an und brachte eine etwas provokante Frage ins Spiel: „Auf dem Weg zum autonomen Fahren – werden Dummies künftig arbeitslos?“ Schöneburg zeigte dabei unter anderem auf, dass zwar mehr und mehr Crashtests in die Rechner wandern und virtuelle Dummies Versuche mit den sensorbestückten Puppen teilweise ersetzen können, die klassischen Crashtest-Dummies aber noch lange eine Beschäftigungsgarantie haben.

Das Thema autonomes Fahren stand auch beim dritten Referenten, Prof. Dr.-Ing. Hartmut Marwitz, ehemals Entwicklungschef bei Mercedes Nutzfahrzeuge und Dieselring-Träger des Jahres 2006, im Mittelpunkt. Sein Vortrag beschäftigte sich mit dem aktuellen Stand  zu „Autonom fahrenden Lkw“. Das Fazit aus berufenem Munde: „Die technischen Probleme sind weitgehend  gelöst, doch noch sind so viele administrative und juristischen Fragen ungeklärt, dass der autonom fahrende Lkw im öffentlichen Straßenverkehr noch lange Zukunftsmusik bleiben wird.

Blick ins Glas

Mit der Gegenwart beschäftigte sich dagegen Siegfried Brockmann, Leiter der  UDV der im abschließenden Vortrag  „Aktuelle Ergebnisse der Unfallforschung“ vorstellte. Unter anderem, so zeigte er anhand eines Probandenversuchs mit alkoholisierten Radfahrern auf, ist die Wirkung hochprozentiger Getränke auf das Fahrvermögen recht unterschiedlich: Mancher kann richtig tief ins Glas blicken und zeigt kaum Auffälligkeiten, andere sind schon bei geringen Alkoholmengen nicht mehr fahrtüchtig. Doch für Radfahrer, so kritisierte Brockmann, gibt es noch keine verbindliche Regelung. Hier ersetzt sogenanntes Richterrecht die Gesetze. Dennoch, da kannte auch Brockmann kein Pardon: „Ob Fahrrad- oder Autofahrer. Nach Alkoholgenuss gilt eisern: Hände weg vom Steuer.“

Da traf es sich ganz gut, dass das malerische Knochenhauer Amtshaus (das ehemalige Zunftgebäude der Hildesheimer Metzger), in dem das diesjährige Treffen der Dieselring-Träger seinen abendlich-festlichen Höhepunkt fand, fußläufig vom Hotel entfernt war.

fps

*) 100 Jahre Effizienz – Rudolf Diesel und die Landtechnik, 240 S. Hardcover, Verlag: Agrar-Media, Verl, ISBN 978-3-9814628-2-1, Preis: 24,95 €.

  • Rekordwagen: Im Kreis der Dieselring-Träger in Hildesheim. Prof. Dr.-Ing. Rodolfo Schöneburg, Karl Heinz Menke (VdM-Ehrenvorsitzender), Dipl.-Ing. Peter Brägas, Prof. Dr.-Ing. Ulrich Hackenberg, Dr. ir.-Ing. Anton van Zanten, Dr.-Ing. Friedrich Lohr, Dip.-Ing. Armin Müller, Prof. Dr.-Ing. Hartmut  Marwitz, Dr.-Ing. Wolfgang Lincke, Prof. Dr. Volker Meewes, Prof. Dr.-Ing. Heinrich Praxenthaler, Prof. Dr. med. Peter Sefrin, Jörn Turner (VdM-Vorsitzender), Prof. Dr. Dieter Anselm (v.l.n.r.), Foto: fps
  • Zukunftshoffnung: Noch muss der Rekordwagen ohne Instrumente auskommen, Foto:fps
  • Markentreue: Ein originales Emblem ziert bereits das Heck, Foto: fps
  • Lesestoff:  Hanomag-Fan Görg schenkt Audi-Mann Hackenberg sein Buch, Foto: fps
  • Optimist: Prof. Hackenberg hält autonomes Fahren für technisch gelöst, Foto: fps
  • Realist: Prof. Schöneburg glaubt nicht an das Dummy-Sterben, Foto: fps
  • Skeptiker: Prof. Marwitz sieht viele ungelöste juristische Fragen, Foto: fps
  • Pragmatiker: UDV-Chef Brockmann kennt die Statistiken, Foto: fps
  • Willkommen: Der VdM-Vorsitzende Jörn Turner begrüßte aufmerksame…, Foto: fps
  • …Dieselringträger: Beim intensiven Meinungsaustausch, Foto: fps
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