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Zeitreise

Früher war alles besser. Von wegen – es war nur ganz anders. Erinnerungen an den Urlaub von damals und seine automobile Umsetzung.

Es ist ein vertrautes Gefühl: Über uns der sonnige, freie Himmel, der Wind zerzaust (die wenigen noch verbliebenen) Haare, der Motor summt monoton vor sich hin, freudige Urlaubserwartung durchzieht das Gemüt. Es ist Sommer 2014 und es geht nach Süden. Die raren Sonnentage dieses Jahres lockten zu einer spontanen Urlaubsfahrt mit Cabrio, doch die heimische Garage behaust nur eine Limousine. Kein Problem: Ein Anruf bei Europcar und am nächsten Morgen steht ein New Beetle Cabrio parat. Per Internet und HRS schnell noch ein passendes Domizil gebucht, ruck-zuck die Koffer gepackt und los.

Kurz hinter Salzburg, längst haben wir die Autobahn verlassen und schnüren tiefenentspannt  über verträumte Landstraßen, beschleicht mich ein seltsames Gefühl: Wie einfach, wie unkompliziert ist doch diese Reise und ihre Vorbereitung. Wenn wir – so vor rund 40 Jahren in unseren alten Autos – in den Urlaub aufbrachen, meist mit ein paar Freunden, ging dem eine lange Planung voraus und die Vorbereitung folgte einem strengen, in vielen Jahren entwickelten, Ritual.

Planung ist alles
Schon Wochen vor dem eigentlichen Urlaubsstart gilt es die wesentlichen Voraussetzungen für eine halbwegs pannenfreie Fahrt zu schaffen. Besorgung einschlägigen Kartenmaterials und Festlegung der Reiseroute stehen ganz oben auf der Agenda. Sind die Straßenkarten noch aktuell? Brauchen wir Benzingutscheine? Wie kommt man unter Umgehung gebührenpflichtiger Autobahnen am schnellsten ans Ziel? Sind Tunnels oder Pässe gesperrt? Fragen über Fragen, die sorgsam geklärt sein wollen. Heute liegt das Smartphone auf der Ablage und die quäkende Stimme der Navigations-App weist zuverlässig, unter Umgehung aller Staus, den Weg.

Nicht minder spannend gerät die Präparation unserer dem Studentenbudget angepassten Mobile. Diese stammen vorzugsweise aus Wolfsburg, denn die Käfer – oder gar Karman Ghia – sind relativ billig, leicht zu warten, und Ersatzteile gibt‘s beim Schrotthändler des Vertrauens für kleines Geld. Als theoretisches Rüstzeug für die meist mehrere Samstage währende, präventive Bastelorgie dient der „Selbermacher“ (so heißt in Schrauberkreisen die Buchreihe „Jetzt helfe ich mir selbst“ von Dieter Korp), und für die manuelle Arbeit haben wir längst mehr als nur das popelige Bordwerkzeug. Ring-, Gabel- und Kerzenschlüssel, diverse Zangen, Abzieher und Schraubendreher aller Formate, Mess- und Prüfgeräte bis hin zur Stroboskoplampe sind in der heimischen Werkstatt versammelt. Bleibt nur die Frage: Was davon kommt in die für die Urlaubsfahrt unverzichtbare Werkzeugrolle? Ganz wichtig: die Fühlerlehre, mit deren Hilfe sich der Kontaktabstand der Zündkerzen auf exakt 0,6 mm einstellen lässt. Dann noch die Zündung kontrollieren und Zündzeitpunkt einstellen, den Vergaser sorgfältig reinigen. Schließlich soll keines der wenigen Pferdchen, die so ein Boxermotor bereitstellt, lahmen. Weitere Präliminarien: Keilriemenspannung kontrollieren, Ventilspiel einstellen, Öl wechseln, Bremsen nachstellen und so weiter.

Trotz aller Sorgfalt bleiben unliebsame Fahrtunterbrechungen selten aus. Legendär ist die Frankreichtour, auf deren Konto gleich zwei Käfermotoren gehen. Noch vor Straßburg finde ich mich in irgendeiner abgeschiedenen Hinterhofwerkstatt wieder und tausche den aufgerauchten Motor (typisch, der mangelhaft gekühlte dritte Zylinder ist mal wieder die Ursache) gegen ein für 300 Deutsch Mark erworbenes Ersatzaggregat („Garantiert nur wenige Kilometer“, versichert der Schrotthändler). Damit kommen wir immerhin bis an die Atlantikküste und fast zurück nach Deutschland. Mein Schwager, er fuhr DKW 3=6 hatte für solche Fälle sogar immer einen „Ersatzmotor“ im Kofferraum und die nötige Routine, den auch fern einer Hebebühne quasi en passant auszuwechseln.

Musik gehört dazu
Heute, in meinem Leihwagen, kopple ich mal eben den MP3-Player per Bluetooth an die Multimediaanlage. Auch das war einst ganz anders: Nächtelang hocken wir in freudiger Urlaubserwartung vor unseren Recordern und puzzeln aus Schallplattenbeständen und Radiomitschnitten die urlaubskompatiblen Musik-Kassetten zusammen, die dann entsprechen beschriftet werden. Auf „The Very Best“, (Rod Stewarts „Sailing” darf darauf nicht fehlen), folgt „The Very Best Of All” (unter anderem mit Eagles „Hotel California“). Schließlich triumphiert einer der Freunde mit  “The Very Best Of All The World’s Famoust Supersongs” (Jimmi Hendrix „Hey Joe“ und Iron Butterfly mit „In-A-Gadda-Da-Vida” rechtfertigen den Titel).

Abgesehen von der geradezu essentiellen Problematik der Titel-Zusammenstellung bewegt auch die Frage nach dem Cassettenmaterial. Den guten, aber teureren „BASF LH-MI 1“ oder lieber „Maxell UD XL II“ in der 90-Minuten-Version stehen die billigen jedoch bandsalatträchtigen „Photo Porst Chromdioxid II“ als 120er entgegen. Es ist gleichermaßen ein Glaubenskrieg wie eine Finanzfrage, womit die „Fischer C-Box“ unterm Armaturenbrett bestückt wird. Doch bei der Musik kenne ich keine Kompromisse. Mein mittlerweile verstaubtes Musik-Cassetten-Archiv beherbergt noch heute zahlreiche fast taufrische, damals sauteure Cassetten des Typs „Maxell II-S 90“ mit dem „High Resonance-Damping & Heat Resistant Cassette Mechanism“, die robust genug sind, auch schlichten Blaupunkt-Radiorecordern zu widerstehen.

Fürs Filmmaterial gilt das leider nicht immer. Das rächt sich heute bitter. Die einst preisgünstigen aber keinesfalls preiswerten Filme und erst recht die Abzüge von Photo Porst sind inzwischen gnadenlos ausgebleicht. Rötliche Schemen auf rötlichem Grund – mehr ist kaum geblieben von den Urlaubsfreuden der Vergangenheit. In meiner Erinnerung ist jedoch alles taufrisch und gestochen scharf: die luftigen Fahrten im Cabrio, die Basteleien unterwegs, die Tage am Strand, die zahllosen Kirchen- und Museumsbesuche, die Stadtbesichtigungen und vor allem die Abende vor dem Zelt auf dem Campingplatz.

Mal sehen, wie in ein paar Jahren die per Smartphone geknipsten Bildchen der Österreich-Reise anno 2014 dagegen abschneiden.

Franz-Peter Strohbücker

  • Heute: Mieten, Gepäck verstauen, losfahren, Foto: Franz-Peter Strohbücker
  • Vorbereitung vor 40 Jahren: Grundausrüstung für unterwegs, Foto: Franz-Peter Strohbücker
  • Irgendwo und immer wieder: schrauben am Wegesrand. Foto: Franz-Peter Strohbücker
  • Sportlich unterwegs: ohne Stoßstange und mit Schnellverschlüssen. Foto: Franz-Peter Strohbücker
  • Frischluftfan am Ziel. Foto: Franz-Peter Strohbücker
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