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Wir haben kein Erkenntnisproblem, wir haben ein Umsetzungsproblem

Am letzten Oktoberwochenende trafen sich in Berlin die VdM-Dieselringträger zur ihrer jährlichen Fachtagung, die der Verband der Motorjournalisten gemeinsam mit der Unfallforschung der Versicherer (UDV) veranstaltet. Vorträge und Diskussionen drehten sich um die Frage: Ist das Ziel erreichbar, in der Dekade bis 2020 die Zahl der Verkehrstoten um 40 Prozent zu verringern.

Das Eröffnungsreferat hätte traditionsgemäß der Dieselringträger des Jahres 2016, Dr. Walter Eichendorf, halten sollen. Der Präsident des deutschen Verkehrssicherheitsrates hatte jedoch wegen einer Erkrankung kurzfristig absagen müssen, wie der VdM-Vorsitzende Werner Bicker bei seiner Begrüßung berichtete. Dankenswerterweise übernahm Professor Kurt Bodewig, Präsident der Deutschen Verkehrswacht das Referat zur DVR „Vison Zero“ und zu den Zielen der Verkehrssicherheitsarbeit. Für die laufende Dekade bis 2020 war als Ziel ausgegeben worden, die Zahl der Verkehrstoten um 40 Prozent zu reduzieren. „Was ist zur Halbzeit erreicht?“, fragte Professor Bodewig. Bis 2013 hatte es tatsächlich einen Rückgang um 17 Prozent gegeben, seit 2014 jedoch ist die Zahl der im Straßenverkehr Getöteten wieder um 3,5 Prozent angestiegen. Und so wurde nicht nur vom Referenten, sondern auch in der Diskussion bezweifelt, dass die ehrgeizigen Ziele noch erreicht werden können. Vor allem auch dann nicht, wenn man – wie Siegfried Brockmann vom UDV bemerkte - als Beginn der Dekade nicht wie allgemein üblich 2011, sondern korrekter 2010 annimmt. In jenem Jahr lag die Zahl der Verkehrstoten unter dem Wert von 2011. Folglich fällt die Reduzierung von 2010 bis 2013 deutlich geringer aus, als bei Betrachtung des Zeitraum 2011 bis 2013.

Die Top-Themen der Verkehrssicherheitsarbeit
Dennoch weist der Trend über Jahre sowohl bei den Getöteten als auch bei den Schwerverletzten nach unten. Dafür sind eine ganze Reihe von Verbesserungen in der Fahrzeugtechnik, der Infrastruktur, aber auch im Rettungswesen verantwortlich. Schaut man sich die Unfälle mit Getöteten und schwer Verletzten genauer an, wird deutlich, wo die Schwerpunkte liegen. Da es keinen Sinn macht, sich in vielen Maßnahmen zu verzetteln, haben der DVR und seine Gremien eine ganze Reihe von Top-Maßnahmen definiert, die die größten Effekte versprechen und auf die sich Kommunikation, Prävention und Aufklärung konzentrieren sollen, berichtete Professor Bodewig. Eine der Hauptursachen für schwerwiegende Unfälle ist Alkohol. Der DVR fordert daher eine Null-Promille-Grenze. Damit ist klar. „Wer fährt, trinkt nicht. Wer trinkt, fährt nicht.“ Das Problem sei lange bekannt, aber insbesondere die Politik wolle an das Thema nicht ran. „Wir haben kein Erkenntnisproblem, wir haben ein Umsetzungsproblem“, sagte Professor Bodewig nicht nur bezogen auf das Thema Alkohol am Steuer. Die meisten schweren Unfälle passieren auf Landstraßen, nannte er einen weiteren Schwerpunkt. Der DVR fordert hier ein einheitliches Tempolimit von 80 km/h für alle Fahrzeuge, also auch für Lkw, die bislang eigentlich nur 60 km/h fahren dürfen. „Wenn alle gleich schnell unterwegs sind, besteht keine Notwendigkeit mehr für gefährliche Überholmanöver.“ Für Wohngebiete fordert der DVR 30 km/h als Regelgeschwindigkeit und 50 km/h als Ausnahme. In Feldversuchen, sollten die Effekte überprüft werden. Der Schutz der Motorradfahrer, auf die bei zwei Prozent Verkehrsleistung fast 20 Prozent der schweren Unfälle entfallen, sind ein weiteres DVR-Top-Thema. Die anschließende Diskussion machte deutlich, dass einerseits weitere Verbesserungen der aktiven und passiven Fahrzeugsicherheit keine kurzfristigen Auswirkungen auf die Verkehrssicherheit haben werden. Außerdem wurde ein Rückgang der Verkehrsüberwachung und damit der Ahndung von Verkehrsverstößen bemängelt. Zudem werde das Verkehrsgeschehen immer komplexer und aggressiver. Die anvisierte Reduzierung der Verkehrstoten um 40 Prozent bis 2020 sei daher wohl nicht zu erreichen.

Leicht-Lkw bei starkem Wind gefährdet
Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer (UDV) im GDV stellte anschließend drei aktuelle Projektbeispiele aus seinem Bereich vor. So hat der UDV mit aufwändigen Computersimulationen das Fahrverhalten der sogenannten Leicht-Lkw unter zwölf Tonnen Gesamtgewicht bei starkem Wind und Sturm untersucht. Etwa zwei Prozent des Lkw-Bestandes machen Leicht-Lkw aus, die mit der alten Pkw-Führerscheinklasse 3 gefahren werden dürfen und zunächst oft deshalb für Volumentransporte angeschafft wurden, weil sie nicht unter die Mautpflicht fielen. Während vor allem beladene 40-Tonnen Lkw-Züge selbst bei schwerem Sturm nahezu unbeeindruckt ihre Bahn ziehe, kippt bei beladenen Leicht-Lkw spätestens ab Windstärke 9 zumindest der Anhänger. Ist der Zug unbeladen reicht schon Windstärke 7. Selbst ein erfahrener Fahrer ist dabei nicht mehr in der Lage, ein Umkippen zu verhindern.

Wohnmobile sind oft überladen
Der wachsenden Zahl von Wohnmobilen im Straßenverkehr hat sich die Unfallforschung des GDV ebenfalls angenommen. Mit einem Durchschnittsalter von 13,2 Jahren sind die Wohnmobile deutlich älter als Pkw. Damit verbreiten sich technische Neuerungen bei den Wohnmobilen, die meist unter der 3,5 Tonnen Gesamtgewichtsgrenze bleiben, recht langsam im Bestand. Das Unfallgeschehen weist keine großen Besonderheiten auf. Unfälle passieren vor allem auf Landstraßen und oft im Längsverkehr. Die Wohnmobilinsassen sind dabei vergleichsweise sicher, vor allem wenn sie auf dem Fahrer- und Beifahrersitz sitzen. Dagegen ist die Gefahr, bei einem Unfall schwer verletzt zu werden, für die hinten Sitzenden größer. Ein Problem ist dagegen die Beladung. So erwiesen sich bei Polizeikontrollen 51 Prozent der Wohnmobile als überladen, elf Prozent so gravierend, dass sie nicht weiterfahren durften. „Den meisten war gar nicht klar, dass schon eine normale Beladung mit gefülltem Frischwassertank viele Wohnmobile an ihre Grenzen bringt.“ Außerdem seien oft Hausrat oder Haustiere nicht ausreichend gesichert. Und schließlich erweist sich gerade bei voll beladenen Wohnmobilen die Bremsleistung oft als nur halb so groß wie bei einem Pkw. Das führt bei den Fahrern, die in der Regel nur wenige Wochen im Jahr mit dem Wohnmobil unterwegs sind, oft zu Fehleinschätzungen, zu spätem oder nicht hinreichendem Bremsen.

Das Verkehrsklima wird rauer
Das Verkehrsklima in Deutschland war das dritte Thema, das Unfallforscher Brockmann vorstellte. In einer repräsentativen Studie waren dazu rund 2.000 Menschen befragt worden. Vor allem die Frauen waren der Ansicht, dass die Verkehrssicherheit zugenommen habe. Brockmann führt das auf eine selbstbewusster auftretende junge Frauengeneration zurück als bei der letzten Befragung, die unbedarfter, auch aggressiver fährt, weil sie die Verkehrssicherheit höher einschätzt. Viel Autofahrer empfinden Autofahrer als stressig und je älter die Autofahrer sind, desto größer ist ihr Eindruck, dass sich sehr viele aggressiv verhalten. Nach dem eigenen Verhalten gefragt, zeigte sich, dass Frauen sich eher aus Gründen der Selbstbehauptung aggressiv verhalten, etwa wenn sie kurz auf die Bremse treten, wenn ein Nachfolgender zu dicht auffährt. Bei den Männern zeigt sich die Aggressivität eher zum Beispiel im Drängeln mit Blinker und Lichthupe. Dabei ist natürlich klar: Alle anderen sind aggressiv, die Befragten selbst aber nicht. „Das zeigt, dass Aufklärung viele nicht erreicht“, urteilte Siegfried Brockmann. Zu beobachten sei, dass sich eine Zunahme der Aggressivität in der Gesellschaft auch im Straßenverkehr wiederspiegelt.

Spannende Podiumsdiskussion zum Abschluss
Bei der anschließenden Podiumsdiskussion, moderiert von VdM-Regionalkreisleiter Andreas Kessler, diskutierten neben Professor Bodewig und Siegfried Brockmann, auch Dieselringträger Professor Rodolfo Schöneburg von Daimler und Ministerialdirigent Guido Zielke aus dem Bundesverkehrsministerium. Zielke beurteilte die bisherigen Ergebnisse des Programms 40 Prozent weniger Verkehrstote bis 2020 nicht so schlecht: „Die meisten Maßnahmen wirken nicht gleich, sondern erst zum Ende der Periode.“ Allerdings müsse die Aufgabe, die Zahl der Verkehrstoten zu senken, als gesamtgesellschaftliche Aufgabe begriffen werden. Brockmann und Professor Bodewig hielten dem entgegen, dass die Politik sich insbesondere in Wahljahren scheue, unpopuläre Maßnahmen wie die Null-Promille-Grenze umzusetzen. Professor Schöneburg führte aus, dass die Fortschritte bei technischen Lösungen zur Verkehrssicherheit in den letzten Jahren sehr groß gewesen seien und jetzt eher kleinere Verbessrungen zu erwarten seien. Derzeit gehe es um die Vernetzung von aktiver und passiver Sicherheit mit dem Ziel des unfallfreien Fahrens. Auch Siegfried Brockmann sagte, dass es eine ganze Reihe positiver Tendenzen für mehr Verkehrssicherheit gebe, aber eben auch gegenläufige Entwicklung, wie die Zunahme des Fahrradverkehrs, der Boom der Pedelecs und die wachsende Zahl älterer Verkehrsteilnehmer. Hinzu kommen neue Mobilitätsanforderungen, die auf Städte treffen, die finanziell gar nicht in der Lage sind, dafür die nötige sichere Infrastruktur zu schaffen. Und natürlich sind bei all dem auch der deutsche Föderalismus und die politischen Zuständigkeiten ein Problem: So sagte Ministerialdirigent Zielke, dass der Bund den Ländern beispielsweise die Möglichkeiten gegeben habe, die Temo-30-Zonen auszuweiten. Umgesetzt wird das aber höchst unterschiedlich. Beim Autobahnbau werden die Richtlinien für den Straßenbau exakt umgesetzt, während die Länder eher geneigt sind auf alle zu verzichten, was teuer ist. Professor Bodewig forderte im Hinblick auf die Verkehrssicherheit ein konsequenteres Vorgehen. Als sinnvoll erkannte Maßnahmen sollten geprüft und dann aber auch realisiert werden. Außerdem sei auch wieder eine stärkere Verkehrsüberwachung erforderlich. Da aber die Polizei den Innenministern unterstehe, stehe derzeit eher das Thema Terrorismusabwehr auf der Prioritätenliste ganz oben, während die Verkehrsüberwachung aus Kapazitätsgründen zurückgefahren werde.

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  • Der VdM-Vorsitzende Werner Bicker eröffnet die Tagung, Foto: Sommer
  • Vortrag Prof. Kurt Bodewig, Foto: Sommer
  • VdM-Dieselringträger mit dem VdM-Vorstand vor dem Tagungshotel, Foto: Sommer
  • Spannende Podiumsdiskussion, Foto: Sommer
  • Podiumsdiskussion mit (v.l.n.r.): Siegfried Brockmann (GDV), Professor Rodolfo Schöneburg (Daimler), Andreas Kessler (VdM Berlin), Professor Kurt Bodewig (DVW) und Ministerialdirigent Guido Zielke (BMVI), Foto: Sommer
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