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Verschärfter ADAC EcoTest

Dringender Handlungsbedarf auch bei Benzinern

Mit seinem verschärften ADAC EcoTest (www.adac.de/ecotest) will Deutschlands größter Automobilclub künftig Verbrauchern eine Orientierungshilfe beim Autokauf bieten und Herstellern den Spiegel vorhalten. Anlässlich einer ADAC Pressekonferenz Ende März in Berlin macht sich der VdM ein Bild über die aktuelle Diskussion.
Im Jahr 2003 hat Deutschlands größter Automobilclub erstmals den ADAC EcoTest durchgeführt. Im vergangenen Jahr wurde dieser nochmals verschärft.

Herausgekommen sind alarmierende Ergebnisse: Von 77 Pkw nach der verschärften neuen EcoTest-Methode des Clubs sind Elektro-, Erdgas- und Hybridautos mit fünf Umweltsternen klar führend. Aufgrund der Schadstoff- und Verbrauchswerte schaffen es dagegen nur wenige Autos mit Verbrennungsmotoren in die Viersterne-Kategorie. Von 38 getesteten Diesel-Autos können gar nur zwei Modelle, nämlich der Mercedes E220 d 9G-Tronic und der BMW 118d Urban Line Steptronic, mit jeweils vier Umweltsternen empfohlen werden. Daher rät der ADAC, „lieber zwei Mal nachzudenken, einen Diesel zu kaufen“. Dieses Fazit des aktuellen ADAC EcoTests präsentierte der Club im März in Berlin anlässlich eines Pressegesprächs inklusive Podiumsdiskussion mit Vertretern des Europäischen Parlaments, des Deutschen Bundestags, des Verbands der Automobilindustrie (VDA) und des Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND).

ADAC: „Wir sind bei der Beratung am Ende.“
Entscheidend für das schlechte Abschneiden der Dieselmotoren ist das teilweise deutliche Überschreiten der gesetzlichen Grenzwerte für Stickoxide. Gravierendster Fall: Der Renault Capture dCi 90 stößt im ADAC EcoTest durchschnittlich 725 mg/km an Stickoxid aus und überschreitet den Grenzwert damit um mehr als 900 Prozent. Eine weitere Erkenntnis: Die neuesten Diesel-Modelle sind nicht immer sauberer. Im Gegenteil, wie der ADAC feststellt: In einigen Fällen weisen moderne Euro-6-Fahrzeuge nach dem EcoTest sogar höhere Emissionswerte auf als diejenigen der Klasse Euro-5. Ein Ergebnis, dass gerade vor dem Hintergrund drohender Fahrverbote in Innenstädten zu Denken gibt. Dringenden Handlungsbedarf sieht der ADAC darüber hinaus bei bestehenden Fahrzeugen mit Otto-Motoren. Diese stoßen unter ADAC Testbedingungen deutlich zu viel Feinstaub aus. Bei einem getesteten Opel Corsa wurden zudem erstmals erhöhte Stickoxid-Emissionen festgestellt, was bisher bei Benzinern kein Thema war. Den Grund für die zum Teil drastischen Abweichungen sieht der ADAC darin, dass die eingesetzten Abgassysteme der meisten Benziner- und Dieselmodelle „nicht dem Stand des technisch Machbaren“ entsprechen. Selbst bei den getesteten Plug-In-Hybrid-Fahrzeugen stellt der ADAC Abweichungen bei den Herstellerangaben von durchschnittlich 160 Prozent fest. Reinhard Kolke, Leiter ADAC Technik Zentrum, ist hier in punkto allgemeiner Kauftipps für seine Mitglieder ratlos: „Wir sind bei der Beratung am Ende.“

Zuverlässigkeit der Herstellerwerte infrage gestellt
Im Rahmen des ADAC Eco-Tests wird geprüft, ob die Hersteller Ihre angegebenen Emissionswerte auch in der Praxis in allen Lagen einhalten können. Hierbei orientiert sich der ADAC seit 2016 nicht mehr länger an dem NEFZ (Neuer Europäischer Fahrzyklus), auf dessen Grundlage die Herstellerangaben entstehen, sondern am Weltzyklus mit einer Zuladung von 200 Kilogramm und praxisnahen Schaltpunkten. Ein zusätzlicher Autobahnzyklus mit höheren Geschwindigkeiten ergänzt die Messung. Auch die Bewertungsmaßstäbe wurden strenger. Neu ist zudem, dass die Autos nicht mehr nach Fahrzeugklassen unterschiedlich bewertet werden. Die jüngsten, wesentlich realitätsnäher durchgeführten ADAC Tests lassen die Autofahrer damit weiter an der Zuverlässigkeit der Herstellerwerte zweifeln. So wurden zwar bei einigen Marken bei den Labor- als auch Real Driving Emissions (RDE)-Straßentests die Grenzwerte eingehalten. Bei Fahrsituationen mit höherer Last auf der Autobahn wurden diese jedoch laut ADAC um das bis zu elffache überschritten. Unterstützung erhalten die Automobilhersteller indes aus der Politik. Arnold Vaatz, der für die CDU/CSU im deutschen Bundestag vertreten ist, verweist auf die Aufrichtigkeit in der Diskussion. In seinen Augen fungiere der Verkehr zu oft als Bauernopfer, da er „generell unter Verdacht steht, dass er hauptverantwortlich sei für alle Verschmutzungserscheinungen in der Luft.“ Er rate für eine ehrliche Betrachtung der komplexen Verschmutzungslage. Jakob Seiler vom VDA ergänzte, dass die Automobilindustrie zwar die Emissionen beispielsweise bei Benzinern sehe, die Fahrzeuge durch den Partikelfilter bei Benzin-Direkteinspritzern jedoch auf einem guten Weg seien. Auch seien die Hersteller dabei, Dieselfahrzeuge durch die Reduktion von Stickoxiden in Abgasen (SCR-Systeme) weiter fit zu machen. Die SCR-Technologie sei einsatzbereit und komme jetzt verstärkt auf den Markt. Um allerdings künftig mehr Klarheit in der Diskussion um Grenzwerte zu bekommen, muss die Europäische Union laut Ismail Ertug vom europäischen Parlament jedoch noch an die verschiedenen Messverfahren herangehen.

„Irrungen und Wirrungen – kein Ende in Sicht“
Die Verwirrung und Unsicherheit in Sachen Fahrzeugkauf ist mit der Einführung des verschärften ADAC EcoTest noch lange nicht zu Ende. Im Gegenteil: Weitere Akteure werden auf den Plan gerufen. So haben die Abgeordneten des Europäischen Parlaments Anfang April jetzt schärfere Regeln für die Genehmigung neuer Automodelle gefordert. Die EU-Kommission soll mehr Kompetenzen erhalten, um die Arbeit nationaler Prüfbehörden zu kontrollieren, die zu Gunsten „ihrer“ Autoindustrie möglicherweise ein Auge zudrücken. Teilweise soll die Kommission auch selbst Test bei bereits zugelassenen Fahrzeugtypen durchführen können. Allerdings wird diese Haltung zunehmend von der Bundesregierung torpediert. So schreibt die Süddeutsche Zeitung in ihrer Ausgabe vom 25. April: „Die Bundesregierung blockiert schärfere Kontrollen der Autoindustrie in Europa. In zentralen Punkten lehnt Berlin nach Informationen der Süddeutschen Zeitung eine von der EU-Kommission geplante Reform ab. Auch empfindliche Geldstrafen für Hersteller würden von Deutschland und anderen Ländern verschleppt, klagen Insider. Eine eigentlich bis Ende Mai geplante Einigung sei kaum noch möglich.“ Und, so kommentiert die SZ weiter: „Als wäre die Affäre (Anm.: „VW-Skandal“) nie passiert, will Deutschland in Brüssel strengere Vorgaben der EU-Komission entschärfen – ganz im Sinne der Industrie…Die Kumpanei von Politik und Autobranche geht einfach weiter.“

Eine Neverending-Story also? Fest steht, die Autolobby hat in den vergangenen Jahren viel dazu beigetragen, um den Verbrenner in die Schmuddelecke zu befördern. Jetzt bleibt zu hoffen, dass künftig technische Grenzwerte und Messverfahren im Gesetz übernommen werden, die von Fachingenieuren als machbar anerkannt sind und nicht der Willkür von Politikern unterworfen sind. Außerdem: Den Ingenieuren in den Automobilkonzern muss künftig wieder der Stellenwert zukommen, der ihnen gebührt, so dass Hersteller nicht allein von den Zielen des Vertriebs dominiert werden. Blamagen wie der Abgasskandal mit all seinen fatalen Auswirkungen auf die gesamte Branche dürfen sich gerade in ohnehin drastisch angespannten Zeiten der Veränderung nicht wiederholen.

Isabella Finsterwalder

  • Heiße Diskussionen beim ADAC Gespräch zur Mobilität am 20. März in Berlin, Foto: Finsterwalder<br />
  • Dr. Reinhard Kolke, langjähriger Leiter Test und Technik beim ADAC ist überzeugt: „Der ADAC hat alle Messwerte vorliegen und kann Gut und Böse unterscheiden.“, Foto: Finsterwalder
Tachobetrug: ADAC für technischen Manipulationsschutz direkt im Auto

Bei Automodellen mit digitalen Tachometern kann der Kilometerstand ohne großen Aufwand manipuliert werden. Der ADAC plädiert für manipulationssicheren Speicherung des tatsächlichen Kilometerstands direkt im Fahrzeug.

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