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Technik – in dubio pro reo?

Eine prä-nostalgische Suche nach den zehn Prozent „technischer“ Unfallursachen  

Im Tal der Mümling, wo im Odenwald auf der B 45 ein Abschnitt der Deutschen Ferienstraße Alpen-Ostsee verläuft, fiel Streifenbeamten ein besonders tiefer 3-er BMW auf. Sie quittierten dem 25-Jährigen Fahrer am Ende 19 erhebliche Mängel. Radschrauben fehlten an beiden Vorderrädern; links hinten balancierte eine solche auf der letzten Windung. Die Bereifung profillos, und wo es leuchten und blinken sollte, war auch kaum etwas in Ordnung. „Nur“ 90 Prozent des Unfallgeschehens rührt von menschlichem Fehlverhalten her, wie es auch beim letzten Treffen der Dieselringträger festgehalten. Was sind die fehlenden zehn Prozent, die hin und wieder der Technik angelastet werden? Was ist dabei prä-nostalgisch?

Nach den jüngsten Zahlen des Statistischen Bundesamts in Wiesbaden (destatis) registrierte die Polizei im Jahr 2015 in Deutschland 305 659 Unfälle mit Personenschaden. Menschliches Fehlverhalten war dabei in der Tat die mit großem Abstand häufigste Unfallursache: In 88 Prozent der Fälle trugen Fahrzeugführer überwiegend Schuld, zu drei Prozent Fußgänger. Bei acht Prozent drehte es sich um allgemeine Ursachen wie Straßenverhältnisse, Witterungsbedingungen oder Wild auf der Fahrbahn. Mit einem Prozent rangieren technische und Wartungsmängel zwar am Ende der Statistik, führen demnach aber immer noch zu nicht weniger als rund 3000 Unfällen mit verletzten oder getöteten Personen pro Jahr.

Ganz vorn: Reifen und Bremsen

Abgefahrene oder morsche Reifen führen laut Bundesanstalt für das Straßenwesen (BASt) mit über 25 Prozent der Ursachen, auf den Plätzen unter anderem unzulängliche Bremsanlage (18 Prozent), Beleuchtung (17 Prozent) und Lenkung (vier).. Ein Bild aus der Praxis liefert die Kraftfahrzeug-Überwachungsorganisation freiberuflicher Kfz-Sachverständiger (KÜS). Bei der zweijährlichen Hauptuntersuchung nach § 29 registrierten die Prüfingenieure knapp 80 000 Fälle mangelhafter Bereifung: Alterungsrisse, Beschädigungen aller Art und defekte Ventile. Dazu gab es Schäden am Reifenkontrollsystem, drucklose Reifen oder fehlende Freigängigkeit. Über 20 000 mal wurde die vorgeschriebene Profiltiefe von 1,6 Millimetern unterschritten.“Wir appellieren an die Autofahrer, die Wartung ihres Fahrzeuges nicht zu vernachlässigen, sondern konsequent im Auge zu behalten und wahrzunehmen,“ so Peter Schuler, Bundesgeschäftsführer der KÜS.

Laut destatis werden pro Unfall im Schnitt 1,4 Ursachen statistisch registriert. Insbesondere bei einem tödlichen Unfall, „beauftragt die Staatsanwaltschaft regelmäßig und in allen Bundesländern einen Unfallsachverständigen“, sagt Dieselringträger Professor Dr. Dieter Müller von der Hochschule der Sächsischen Polizei in Rothenburg/Oberlausitz zur Unfallaufnahme vor Ort, „in vielen Bereichen Deutschlands bei Schwerverletzten ebenso.“ Auch bei besonders schweren Unfällen, bei denen eine Straftat anzunehmen ist, wird nach Angaben des Hessischen Innenministeriums unverzüglich die Staatsanwaltschaft unterrichtet. Die Polizei beginnt ihrerseits an Ort und Stelle mit intensivierter Ermittlungsarbeit hinsichtlich technischer Ursachen, wenn die  Anhörung der Unfallbeteiligten und die Inaugenscheinnahme der unfallbeteiligten Fahrzeuge dies nahelegen.

„Tiefgründigere“ Ursachenforschung gewünscht

Jurist Dieter Müller, der an seiner Hochschule angehende Polizeikommissare unter anderem in der praktischen Anwendung der straßenverkehrsrelevanten Rechtsvorschriften unterrichtet, wünscht sich mehr Kompetenz und Spielraum bei der Unfallaufnahme, um eine „tiefgründigere“ Ursachenforschung betreiben zu können. Auch beim  Bachelorstudium für den gehobenen Polizeidienst in Hessen liegt ein Schwerpunkt auf der Unfallaufnahme, der im anschließenden Grundlagenpraktikum noch vertieft wird. Hierbei helfen der Hessischen Hochschule für Polizei und Verwaltung auch erfahrene Beamte mit ihren praxisnahen Kenntnissen zu technischen Mängel und Veränderungen. „Wenn sie die Zeit dazu haben“, schränkt Müller ein: „Es passiert immer häufiger, dass durch die aktuellen Anforderungen an die Polizei klassische Aufgaben zwangsläufig hintangestellt werden.“

Letzte Trennschärfe zur Festlegung auf die Unfallursache schlechthin ist ohnehin nicht möglich. Die Statistiker von destatis in Wiesbaden nutzen ein (in dem Fall nicht-technisches) Beispiel, um dies zu verdeutlichen: Ein Pkw-Fahrer unter Alkoholeinfluss überfährt das Stoppschild beim Einfahren in eine bevorrechtigte Straße; es kommt zum Zusammenstoß mit einem Motorradfahrer, der die regennasse Hauptstraße mit überhöhter Geschwindigkeit befährt. Damit werden dem Unfall vier Ursachen zugeschrieben, wovon zwei den Pkw-Fahrer als Hauptverursacher betreffen: Er war alkoholisiert und missachtete die Vorfahrtregelung. Der Beitrag des Motorradfahrers bestand in der unangepassten Geschwindigkeit, und als allgemeine Unfallursache zählte die regennasse Straße.

Eigentlich ist die Technik unschuldig

Bleibt am Ende die Erklärung zum Prädikat prä-nostalgisch. Die vorliegende Schilderung ist eine vorauseilende Rückschau auf die Gegebenheiten heute gewohnter Technik. In einer überschaubaren Zahl von Jahren wird es teils völlig neue Bewertungen zu technischen Ursachen bei der Entstehung von Unglücksfällen im Straßenverkehr geben. Wenn bei der rasanten  Vermehrung der Assistenzsysteme, von der Phase des  Autonomen Fahrens ganz zu schweigen, als ganz simples Beispiel nur die die kognitiven Fähigkeiten des Automobils einen Fehler machen – dann hat am Ende auch ein Mensch die Vorlage geliefert. So gesehen wird sich also nichts ändern: Hätte der im Odenwald gestoppte Dreier-BMW unterwegs ein Rad verloren, wäre der Unfall dann nur wegen technischen Versagens zustande gekommen - oder war da nicht auch schon was davor?

Erich Kupfer

  • Foto: Fotolia/benjaminnolte
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