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Taxi zum Ahornkaser, bitte!

Eine Zeitreise zum historischen Roßfeld-Bergrennen bei Berchtesgaden

Es ist sicherlich nichts Ungewöhnliches, an zwei aufeinander folgenden Tagen die gleiche Strecke mit unterschiedlichen Taxis zu befahren. Wenn sich die gefahrene Strecke jedoch Roßfeld-Panoramastraße nennt und die Taxifahrer die Namen Rudi Lins und Walter Röhrl tragen, ist sofort klar, dass die Fahrzeuge weder beige lackiert noch mit Dieselmotor und vier Türen versehen waren. Das ist auch gut so, denn sonst wäre es nie zu dieser Geschichte gekommen.

Die Sechziger Jahre gelten als die Blütezeit des Bergrennsports im wieder erstarkten Europa. Der zweite Weltkrieg war vergessen, der Wiederaufbau weitgehend abgeschlossen und die Wirtschaft florierte. Große Sportereignisse waren eine willkommene Abwechslung im Alltag, und Hersteller von Konsumgütern buhlten um die Gunst der Kunden. Da an einem Wochenende bei Bergrennen bis zu 25.000 Zuschauer gezählt wurden, nutzten die Fahrzeughersteller die Gelegenheiten, um dem Publikum ihre Leistungsfähigkeit zu demonstrieren. Der deutsche Beitrag zu diesem imageträchtigen Wettbewerb hieß Bergpreis Roßfeld Berchtesgaden und Hersteller wie Abarth, Ferrari und Porsche kämpften um die Krone.

Achim Althammer, in der Oldtimerszene bestens bekannt für seine Wohltätigkeitsrallye Edelweiß Classic, lässt die kurz „Roßfeldrennen“ genannte Veranstaltung seit 2013 als historische Motorsport-Zeitreise zugunsten geistig behinderter Menschen jährlich wieder auferstehen. Mit Erfolg, denn fast jeder, der bei den beiden Erstausgaben jeweils am letzten Septemberwochenende in Berchtesgaden dabei war, kam mit leuchtenden Augen zurück. Viele davon, so auch der Autor, wurden zu begeisterten Wiederholungstätern.

Auch die Firma Porsche konnte sich dieser Faszination nicht entziehen und kehrte mit zwei Originalfahrzeugen an den Schauplatz großer Triumphe zurück. Rudi Lins, der Europa-Bergmeister von 1967, pilotierte 2014 einen Porsche 356 Carrera Abarth GTL. Es handelt sich dabei um ein 356 Coupé von 1960, das von Carlo Abarth eine aerodynamisch optimierte Leichtmetallkarosserie erhielt. Angetrieben wird der silberne Renner mit den roten Streifen auf den vorderen Kotflügeln von einem 4-Zylinder-Boxermotor mit 1,6 Liter Hubraum bei dem der Nockenwellenantrieb über sogenannte Königswellen erfolgt. Schon alleine ob dieses Triebwerkes, das nach seinem Konstrukteur als Fuhrmann-Motor bezeichnet wird und 135 PS Leistung bringt, läuft dem Kenner das Wasser im Munde zusammen.

Nicht minder attraktiv ist der von Ex-Rallye-Weltmeister Walter Röhrl gefahrene Porsche 718 W-RS, der von den Mechanikern liebevoll Großmutter genannt wird, weil er für einen Rennwagen unglaublich lange Dienst tat. 1962 erstmals eingesetzt, konnte Edgar Barth mit dem 670 kg leichten Spyder die Berg-Europameisterschaft 1963 und 1964 für sich entscheiden. Angetrieben wird der Bolide von einem luftgekühlten 8-Zylindermotor mit 2 Liter Hubraum und 210 PS.

Es ist schon ein Genuss als Zuschauer an der Strecke zu sehen, mit welcher Fahrfreude und Fahrzeugbeherrschung diese Altmeister unterwegs sind. Noch emotionaler wird es, wenn man die Herren beobachtet, mit welchem Enthusiasmus sie sich auf ihre Läufe mit den historischen Rennern vorbereiten. Wenn sie gegenseitig die einzelnen Fahrten analysieren und professionell an der Abstimmung der Boliden arbeiten, damit es im nächsten Run noch spaßiger für Fahrer und Zuschauer wird. Die Krönung jedoch ist es, bei diesen Herren auf dem heißen Sitz Platz nehmen zu dürfen. Da sowohl der 356 Abarth als auch der 718 W-RS als Motorsportfahrzeuge konzipiert wurden, existiert der Beifahrersitz lediglich reglementbedingt, weshalb die Platzverhältnisse nicht gerade als großzügig bezeichnet werden können. So wird der Beifahrer von den Piloten im Sinne des Fahrspaßes wohl eher als leidiger Ballast betrachtet, was dem Erlebnis jedoch keinen Abbruch tut.

Was die eiligen Taxifahrer auch nicht daran hindert, das Maximum aus den Gegebenheiten zu holen. Gut so! Sie präsentieren dem Protagonisten ein Fahrkönnen, das ihn daran zweifeln lässt, jemals selbst ein Auto artgerecht bewegen zu können. Wo andere Fahrer den Gasfuß lupfen oder gar zurückschalten, bleiben die Könner Lins und Röhrl am Gas. Wo andere die Kurve vorsichtig nehmen, driften diese Taxifahrer zentimetergenau zwischen Steinmauern und Abhang. Dabei strahlen sie eine Ruhe und Souveränität aus, als würden sie gerade am Frühstückstisch sitzen. Die Liebenswürdigkeit und Professionalität der beiden Motorsportgrößen zeigt sich auch dadurch, dass zwischen dem Start am Mauthäuschen Süd und dem Ziel am Ahornkaser nichts gesprochen wird. Davor und danach sind die Herren sympathische Gesprächspartner, von denen und den zugehörigen Erlebnissen der Autor noch seinen Enkeln erzählen wird.

Schade nur, dass sich diese beiden Taxifahrer nicht auf Bestellung rufen lassen. Dennoch wird die Freude über ein Wiedersehen am letzten Wochenende im September 2015 groß sein. Walter Röhrl und Porsche haben ihre Teilnahme bereits zugesagt. Neben der üblichen Bandbreite an historischen Bergrennfahrzeugen wird das Thema „50 Jahre Formel V in Deutschland“ die dritte Ausgabe des Roßfeldrennens um eine Attraktion reicher machen. Ein weiteres Schwerpunktthema werden „die Fahrzeuge des Carlo Abarth“ bilden. Der von Rudi Lins pilotierte Porsche stellt trotz seiner Erfolge eher die Ausnahme dar. Meist verwendete Abarth Fiat-Fahrzeuge für seine Optimierungen oder konstruierte sie komplett in seiner Firma. Zudem bediente er sich in den frühen 60er Jahren für Basismotoren gerne bei Simca; einem französischen Autohersteller, an den sich nur noch wenige Liebhaber erinnern können. Das bisher bekannte Programm für die 3. Auflage des historischen Roßfeld Bergpreises sorgt dafür, dass bei den Infizierten eine große Vorfreude aufkommt. Und vielleicht ergibt sich eine weitere unvergessliche Chance, um erneut zu sagen: Taxi zum Ahornkaser bitte!

Ronald Ritter

  • Fahrerlageridylle: Zwischen den Rennläufen trifft man sich an der Tankstelle, um einen Kaffee zu trinken und Benzin zu reden, Foto: Beate Wagner
  • Der Chronist eilt im Porsche Abarth durch die Bosch-Kurve nach dem Start, Foto: Werner Wagner
  • Taxi 2: Der Chronist auf dem heißen Sitz bei Walter Röhrl in der „Großmutter“, Foto: Werner Wagner
  • Autogrammsammlung: „Taxifahrer“ Lins signiert den Mechanikeroverall des Autors, Foto: Heike Ritter
  • Quer daher: Nicht jeder genießt die Fahrzeugbeherrschung eines Walter Röhrl, wie der Gesichtsausdruck des Kollegen Buchta vermuten lässt, Foto: Ronald Ritter
  • Ruhe vor dem Sturm: Der Porsche Abarth GTL von Rudi Lins wartet im Fahrerlager auf seinen Einsatz, Foto: Ronald Ritter
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