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Täter wie Opfer zugleich

Optimismus und etwas Pessimismus beim Zweiradseminar des DVR

So richtig gut bestellt ist es nicht um die „Zweiradsicherheit in Deutschland“. Die nicht völlig unerwartete Erkenntnis prägte das gleichnamige Presseseminar, zu dem der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR) in die Fahrradhauptstadt Münster eingeladen hatte. Zwar schwanden offenbar Defizite in Fahrzeugtechnik und Infrastruktur, nicht jedoch gleichermaßen jene in den Köpfen. Experten sehen im gesellschaftlichen Umfeld mit einem zwiespältigen Verhältnis zu Normen und Regeln ohne flächendeckende Kontrollen und entsprechende Sanktionen die Ziele von „Vision Zero“ in die Ferne gerückt.

Radfahren macht Spaß. Gunnar Fehlau, der Gründer der pressedienst-fahrrad GmbH,  lässt daran keinen Zweifel und bekannte sich mit umfangreichen „Informationen aus der urbanen Pedal-Praxis“ zur neuen Lust am Rad und am Stadtradeln. Die aktuelle Übersicht zu den unterschiedlichen Fahrrad- und Fahrertypen scheint endlos. Die Räder werden mehr und sie werden vor allem schneller - mit Extra-Schwung aus dem Akku. Freilich weiß der Fahrradmann: Jeder zehnte Verkehrstote in Deutschland fuhr auf einem Fahrrad. Radfahrer, sind jedoch nicht nur Opfer, sondern Täter zugleich, sagt Fehlau. Radler sollten das Bewusstsein für die eigene Situation schärfen und zur eigenen Sicherheit eine „antizipierende und berechenbare deutliche Fahrweise“ pflegen.

„...immer die andern...“
Am Ende landet der Ball jedoch häufig im Feld der „anderen“, die eine Herausforderung zu bewältigen haben: Gesetzgeber, Straßenbauer und die „übrigen Verkehrsteilnehmer mit ihren Gewohnheiten“. Wer jahrzehntelang den Primat des Autoverkehrs erdulden musste, mag hier das neue Selbstbewusstsein des hippen, gesunden und umweltfreundlichen Radelns dagegensetzen. Fragwürdig scheinen jedoch Aussagen, die Wanderer als Hindernisse für Mountainbiker diskreditieren, wenn sie weiterhin auf den vertrauten Waldwegen einherschreiten. Sogar Bosch als Hersteller von elektrischen Zusatzantrieben für Pedelecs sorgt sich mittlerweile, wie Anfang Juli bekannt wurde, um Eingriffe der Politik, falls das elektrische Biken in Wald und Flur allzu wild um sich greifen sollte. Bedingt nachvollziehbar auch der Kommentar zum Foto eines anderen „Hindernisses“: Ein Trampelpfad umgeht darauf eine doppelte Wegesperre – jene zwei seitlich versetze Stangengeländer, die kreuzenden Radverkehr vor gefährlichen Straßen einbremsen. Statt von Gefahrenbewusstsein ist dabei die Rede von fragwürdig platzierten Schutzeinrichtungen.

Wer sich über ein Programm zur Verkehrsunfallprävention für Zweiräder informieren will, schaut sich am besten im deutschen Kompetenzzentrum Nummer eins, der Fahrradhauptstadt Münster um. Angesichts immer dichteren Verkehrs ging man 2009 mit  technischen und baulichen Maßnahmen neue Wege bei der Infrastruktur, wie Diplom-Ingenieur Stephan Böhme vom Amt für Stadtentwicklung und Verkehrsplanung berichtete. Das Radwegenetz wurde einer kompletten Revision unterzogen, das Geschwindigkeitsniveau auf den Hauptverkehrsstraßen abgesenkt, Verkehrsraum neu organisiert – wie etwa mit Fahrradschleusen vor Verkehrsampeln – und „Unfallhäufungsstellen“ wurden entschärft. Freilich setzt auch Böhme auf die Köpfe: „Fehlende Normenakzeptanz und fehlende Kommunikation bei und unter allen Verkehrsteilnehmern“ sowie „mangelhaftes Gefahrenbewusstsein bei Radfahrern“ erforderten es, an die Fehlverhaltensmuster der Leute heranzugehen.

Sicherheitstraining obligatorisch
Für die Vertreter der Motorradfraktion im Seminar sind weitere wesentliche Fortschritte nur durch konsequente Überwachung und Ahndung von Regelverstößen zu erwarten. Technische Maßnahmen bei den Fahrzeugen erhöhten und erhöhen die Sicherheit belegbar und nachhaltig, weiß Dr.-Ing  Matthias Kühn, Leiter Fahrzeugsicherheit bei der Unfallforschung der Versicherer (UDV). Aber weil sie benötigen wegen der nur allmählichen Durchmischung des Bestandes einen gewissen  Anlauf. Schneller verfügbar sind Infrastrukturmaßnahmen wie Schutzplanken mit Unterzug auf Motorradstrecken, auf „Rennstrecken“ notfalls auch ein Fahrverbot, falls Tempolimits nicht helfen. Doch kurzfristig zu haben und effektiv ist für den Unfallforscher alles, was das Verhalten der Fahrer wirksam bessert. Am liebsten sähe er Sicherheitstrainings, und zwar obligatorisch wie regelmäßig.

Das Fazit, dass ein anhaltender Effekt ohne flächendeckende Kontrollen und ein deutlich erhöhtes Bußgeld weder zu erreichen noch zu stabilisieren sein werde, teilt Helmut Nikolaus. Als Leiter des Gremiums Motorradsicherheit bei der Kölner Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen setzte er im Lauf der Jahre viele technische Maßnahmen um. So verdeutlichen bessere Markierungen den Streckenverlauf vor Kurven, Rückschnitt von Bewuchs dient rechtzeitigem Erkennen von Knotenpunkten und Querverkehr,, und wo das Tempo – technisch – nicht anders zu reduzieren war, kamen Rüttelstreifen hin. Auch die Flickschusterei bei den Straßenbelägen sind des ergrauten Diplom-Ingenieurs Sache nicht.

Jedoch, so Nikolaus, über alle Infrastrukturmaßnahmen und die Verbesserung der Fahrzeugtechnik hinaus „sind weitere präventive und repressive Maßnahmen zur Beeinflussung des Faktors Mensch zwingend, ohne die eine nachhaltige Reduktion von Motorradunfällen nicht zu erreichen sein wird.“  Somit seien auch die Ziele von Vision Zero gefährdet, wenn sich die laxe Haltung der Gesellschaft zu Regeln und Normen nicht verändere.

Erich Kupfer

  • Foto: Fotolia/Kara
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