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Sind Autofahrer wetterfühlig?

Die subjektive Risikobewertung stimmt nicht mit dem realen Geschehen überein

„Fit genug für den Straßenverkehr“ sind zahlreiche Verkehrsteilnehmer offenbar nicht. Daher setzte der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR) auch ein Fragezeichen hinter das Motto seines neuen Medienseminars, das jetzt in Marburg an der Lahn stattfand. Bekanntermaßen hat bei mehr als 90 Prozent aller Unfälle primär der Mensch versagt, aber der hat es auch nicht immer leicht: Denn das Unfallgeschehen wie der Mensch selber werden durch zahlreiche Faktoren beeinflusst. Schlaf und Gesundheit sind von Bedeutung, aber auch das Wetter wirkt stärker als gemeinhin vermutet: Je schöner – desto schlechter?

Exakt so überschrieb Dr. Hartmut Kerwien, einer der Fachleute, die beim Seminar auftraten, seinen Vortrag über die Einflüsse des Wetters auf die Verkehrssicherheit. Der Mann vom Institut für angewandte Verkehrspädagogik in Herford. Dass die sogenannten trivialen Auswirkungen des Wetters wie etwa Schnee- und Eisglätte, Blendung durch die Sonne oder Seitenwind das Unfallgeschehen massiv beeinflussen, konnte dabei wenig überraschen, eher schon die individuell vorherrschende Einschätzung der damit verbundenen Risiken. Denn es gilt: Wo das Bewusstsein für Gefahren niedrig ist, gibt es die relativ meisten Unglücke.

Befragt nach der Einschätzung, wo die allergrößte Vorsicht angebracht sei, stuften nach einer Befragung 86 Prozent der Autofahrer Glatteis an oberster Stelle ein. Nebel folgt auf Platz zwei (73 Prozent), gefolgt von dichtem Schneetreiben (51 Prozent) und starkem Regen (30 Prozent). Bewertet man hingegen die Reihenfolge der Risiken nach Anzahl der Verunglückten in der Realität , ergibt sich ein beinahe umgekehrtes Bild. Tatsächlich zu Schaden kamen die meisten (8.351 Personen) bei Regen. Kerwien: „Regen kommt häufig vor, man ist es gewohnt, bei Regen zu fahren. In der Regel hat man sein Fahrzeug bei Nässe auch unter Kontrolle und hat aber deshalb nur wenig Angst, agiert mitunter nicht umsichtig genug.“

Regen relativ gefährlicher als Schnee und Eis

Die subjektive Risikobewertung stimmt so nicht mit dem realen Geschehen überein. Schnee ist selten, da ist man vorsichtig. Seltene Phänomene ergeben eine umsichtigere Risikoeinschätzung: Schnee und Eis (6.670), blendende Sonne (4.186) und an dieser Stelle als Schlusslicht Nebel (705). So fordert der Experte, mehr zu kommunizieren, dass Regen beziehungsweise regennasse Fahrbahnen durchaus objektiv gefährlich sind und nicht immer kontrollierbar. „Nur weil man eine Gefahr gut kennt und gewohnt ist damit umzugehen, bedeutet dieser Umstand noch lange nicht, dass das eigene Verhalten ungefährlich ist.“

Weil aus subjektiver individueller Sichtweise Risiken in der Regel nicht aufgrund ihrer Wahrscheinlichkeiten und der damit verbundenen Schadensausmaße eingestuft werden, gebe man sich leicht der Illusion hin, Gefahren gut kontrollieren zu können. Kerwien, der mit seinem Institut gegenwärtig im Auftrag des DVR auch an der Entwicklung des Gütesiegels für fahrpraktische Trainings arbeitet, stellte als zweiten Komplex die biotropen Faktoren in den Mittelpunkt, von Wetter- und Klimaeinflüssen ausgelöste biologische Reaktionen, die den Organismus beeinflussen.

Temperaturschwankungen, schnelle Luftdruckwechsel Luftmassenwechsel kalt/warm und Föhn gehören zu den meteorologischen und geophysikalischen Reizen, die auf einen Organismus einwirken. Steigende Temperaturen und hohe Luftfeuchtigkeit beschleunigen die Herzfrequenz. Die Haut wird stärker durchblutet, und die Schweißproduktion nimmt zu. Konzentrations- und Leistungsfähigkeit sinken. Feuchtwarmes Wetter wird dabei von knapp der Hälfte der Menschen als besonders belastend empfunden, nasskaltes Wetter, der Übergang von schönem trockenen zu schlechtem nassen Wetter sowie Föhn noch von je etwa einem Drittel.

Mehr als die Hälfte der Befragten (56 Prozent) gab an, dass das Wetter einen mehr oder weniger starken Einfluss auf ihr Fahrverhalten hat. Man fühle sich „ungeduldig“, „lustlos“, „träge“, „unruhig“ „unfreundlich“ und „gereizt“. Im Straßenverkehr begünstigen derlei Emotionen aggressive Fahrverhaltensweisen. Zitat: „An einem besonders schwül-warmen Tag fuhren die Leute wie angestochen durch die Gegend...“

Zähne zusammenbeißen hilft auch mal nicht

Wird der Mensch durch das Wetter gereizt und gestresst, aktiviere er gewissermaßen ein Programm, schaue einerseits auf ein sich abzeichnendes Drama, das andererseits kaum gestoppt werden könne. Was trägt zur Abhilfe bei? „Achtsamkeit“, sagt Kerwien. Der Körper signalisiere herannahendes Unwohlsein, bevor es in das Bewusstsein dringt. Eine leichte Verspannung in der Magengegend, Verspannungen im Schulterbereich, Zähne werden zusammengebissen. Angesichts des geringen Einflusses des Menschen auf das Wetter empfiehlt es sich, an den eigenen kleinen Stellschrauben zu drehen. Stressabbau und Beruhigung durch ein paar tiefe Atemzüge und progressive Muskelentspannung könnten spürbar Erleichterung bringen.

Erich Kupfer

  • Foto: Fotolia/ghazii
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