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Schlafen Sie gut!

„Fahrtüchtig?“ -  DVR-Presseseminar über die Vielfalt der Drogen zu nicht-medizinischen Zwecken und Zustände eingeschränkten Bewusstseins.

„Caution: Drunk Drivers out there“ warnt fürsorglich ein Plakat in den USA, blendet damit aber einen Teil der Wirklichkeit rollender Zeitbomben im Straßenverkehr aus: Denn der Anteil der Benebelten ist groß, die sich vor der Fahrt etwa mit „Aquariumreiniger“ aus dem Internet geistig umnachten oder schlicht Medikamente tollkühn dosieren. Oder schlummert am Ende die größte Gefahr für die Verkehrssicherheit in dem, der einfach nur schlecht schläft?

„Fahreignung“ lautete das Stichwort, zu dem ein Presseseminar des Deutschen Verkehrssicherheitsrats (DVR) in Schweinfurt am Main stattfand. Ob dort in Franken oder anderswo: Deutschland trinkt traditionell leicht über dem europäischen Schnitt (den die WHO als den höchsten aller Weltregionen führt). Und viele wissen nicht, wo spätestens Schluss sein müsste. Nur 53 Prozent kennen einer Umfrage zufolge die Grenzwerte. Dr. Thomas Kaufmann vom Institut für Rechtsmedizin der Universität Mainz fordert sogar die fortlaufende Überprüfung bestehender Gesetze, denn: „Die stetig steigenden Anforderungen an die Leistungsfähigkeit der Verkehrsteilnehmer erfordern es, diese Werte auch künftig im Sinne erhöhter Verkehrssicherheit zu überdenken.“

Ein Limit zeigt Wirkung
Mangels legislativer Kompetenz in diesem Bereich hat die EU-Kommission 2001 ihren Mitgliedern ein absolutes Alkoholverbot im Straßenverkehr empfohlen oder 0,5 Promille Blutalkoholkonzentration als das Maximum festzulegen. Bis auf Großbritannien und Malta – jeweils 0,8 Promille – sind mittlerweile alle gefolgt; einige habe niedrigere Grenzwerte. Etwa 3,5 Prozent der Fahrten in der EU finden unter dem Einfluss von Alkohol statt. „Und der Anteil im Westen ist sogar höher als im Osten, obwohl dort mehr getrunken wird“, sagt Jacqueline Lacroix, die das Ressort  Europa- und Verkehrsmedizin beim DVR vertritt (und  Kontrolldruck beziehungsweise -dichte für unzureichend hält). Der Unterschied gilt als ein Indiz für den Lenkungseffekt der in einigen Fällen im Osten niedrigeren Grenzwerte.  Als Beleg für solche Effekt bieten sich zwei Zahlen an, die DVR-Pressesprecher Sven Rademacher nannte: Seit die Null-Promille-Regel für Fahranfänger gilt, fielen in der Altersgruppe  von 18 bis 21 Jahren um 17 Prozent weniger junge Leute mit Alkohol am Lenkrad auf. Im selben Zeitraum kam es bei den über 21-Jährigen mit gerade 2,5 Prozent zwar auch zu einem im Prinzip erfreulichen, aber vergleichsweise  bescheidenen Rückgang.

Die „Legal Highs“ und das Betäubungsmittelgesetz
Höhere Dunkelziffern sind bei anderen das Bewusstsein beeinflussenden Drogen zu unterstellen. Erste Tests am Straßenrand leiden unter erheblichen Unsicherheiten, und es werde nur eine begrenzte Anzahl von Wirkstoffklassen getestet, beklagt Prof. Dr. Frank Mußhoff vom Forensisch Toxikologischen Centrum in München. Von den „Neuen Psychoaktiven Substanzen“ (NPS) kamen allein im letzten Jahr 92 neue auf den Markt; 2008 waren es noch 13. Irreführend ist das legale Etikett der über das Internet vertriebenen „Legal Highs“. Gut 70 Prozent davon stehen in Konflikt mit dem Betäubungsmittelgesetz (BTMG). Phantasienamen wie „Aquariumreiniger“ oder „Bullentäuscher“ dienen der Tarnung, und es besteht die Tendenz, die Wirkung von „Badesalz“ oder von Kräutern mit aufgespritzten Cannaboiden zu verharmlosen. Wer dann am Lenkrad auffällt und gerichtsfest getestet worden ist, muss sich wie beim Alkohol der Frage nach der generellen Fahreignung stellen. In der Regel ist die Teilnahme an einem Drogenabstinenzprogramm zwingend, begleitet von Urinkontrollen oder Haaranalysen.

50 Jahre verkehrspsychologische Rehabilitation
Sanktionierungen allein führen nicht zu dauerhaft stabilen Einstellungs- und Verhaltenskorrekturen. Dr. Paul Brieler vom Institut für Schulungsmaßnahmen in Hamburg greift dazu auf Forschungsergebnisse und Erfahrungen von jetzt 50 Jahren verkehrspsychologischer Rehabilitation in der Bundesrepublik zurück. Vom Aufbauseminar für Fahranfänger über verkehrspsychologische Schulungsmaßnahmen bei erstmals alkoholauffälligen Kraftfahrern – seltener im Übrigen bei Kraftfahrerinnen – bis hin zum medizinisch-psychologischen Gutachten steht eine breite Palette zum Schutz der Gesellschaft vor Alkohol- beziehungsweise Drogenfahrten zur Verfügung. Evaluationsstudien haben laut Brieler deren Wirksamkeit nachgewiesen.

Stopp mit Interlock?
Die Erkenntnis, dass auch technische Varianten helfen können, Trinken und Fahren zu trennen, führte in einer Reihe von Ländern zur Einführung von Alkohol-Interlocks. Sie sorgen dafür, dass ein Fahrzeug nicht gestartet werden kann, wenn der Fahrer unter Alkoholeinfluss steht. In Deutschland führt die präventive Technik in einigen Fahrzeugflotten von Bussen, Lkw oder Taxen ein Nischendasein. Neue Ansätze könnten nach Auffassung von Bettina Velden, Dräger-Werke Lübeck, zwei mittlerweile vorliegende Studien liefern, die dem in diesem Februar zum Thema konstituierten „Runden Tisch“ des Bundesverkehrsministeriums vorliegen. Dr. Walter Eichendorf, Präsident des DVR, hatte bereits im Frühjahr für dieses „erfolgversprechende Instrument“ plädiert. In Europa entfalten Interlocks, gekoppelt an entsprechend aufgebaute Rehabilitationsprogramme, ihre Wirksamkeit vor allem in Finnland, Belgien und den Niederlanden. In den USA dagegen weisen Interlock-Programme für „drunk drivers“ auch ohne Begleitmaßnahmen eine gewisse Erfolgsbilanz vor.

Unterschätzte Gefahr: Obstruktive Schlafapnoe
Nicht zu vergessen: Auch gesundheitliche Einschränkungen können die Eignung zum Fahren aufheben. „An jedem zweiten Tag lässt eine Person durch einen medizinisch begründeten Verkehrsunfall in Deutschland ihr Leben“, sagt die Internistin Martina Mayer. Wie krank man fürs Autofahren sein dürfe, fragt die Oberärztin vom Klinikum Kaufbeuren. So schrillen Alarmglocken, wenn die Diagnose Obstruktive Schlafapnoe zu anhaltend schlechtem Schlaf führt: Fallen den Betroffenen tagsüber dann unvermittelt die Augen zu, steigt das Unfallrisiko um den Faktor sieben gegenüber Gesunden (siehe auch Kasten „Bewusstlosigkeit am Steuer“). Die Medizinerin kennt Untersuchungen, die Katastrophen wie Tschernobyl oder Exxon Valdez mit menschlichem Versagen dieser Art in Verbindung bringen. Passioniert warnt die Internistin zudem vor den (tatsächlich) legalen Drogen – sprich: Medikamenten. Deren verkehrsmedizinische Relevanz werde häufig ignoriert oder unterschätzt, von abenteuerlichen Kombinationen und Nebenwirkungen ganz zu schweigen. Dazu kommen kritische Phasen wie Aufdosierungen, Medikamentenwechsel oder deren Absetzen. Als besonders heikel gelten zum Beispiel Antidepressiva, Neuroleptika und Tranquilizer. Aber auch Arzneien für Diabetiker oder Hochdruckpatienten bergen Risiken.

Der Flug des Radlers
Das Fahren mit dem Fahrrad kam dem US-amerikanischen Naturforscher Louis J. Halle schon immer „dem Flug der Vögel am nächsten.“ Heutige Radler, denen zum buchstäblichen Fall des Falles für eine sanfte Landung die Flügel fehlen, werden hier jedoch Zweifel anmelden. Stürzt nämlich der Pedaleur im Suff, kommt er - gegenüber der Fahrt in nüchternem Zustand - mit dreifach höherer Wahrscheinlichkeit mit dem Antlitz voraus zu Boden. Folgerichtig ergänzt beim DVR-Seminar der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) die Rednerliste, und Roland Huhn, Referent Recht, will die heute angewandte Promillegrenze von 1,6 Promille im Radverkehr denn auch gesenkt wissen.

Die Strafrechtsprechung vermutet bei diesem Wert die Fahrtüchtigkeit von Radfahrern auch ohne Fahrfehler als unwiderlegbar abhandengekommen. Ein Viertel der Angetrunkenen weist sogar eine Blutalkoholkonzentration von nicht weniger als zwei bis 2,5 Promille auf. Zwar konzediert der ADFC „unterschiedlich hohe Anforderungen“ an das Fahrvermögen bei Kraftfahrzeug und Fahrrad, ermuntert aber gleichwohl den Gesetzgeber zum zusätzlichen Gefahrengrenzwert von 1,1 Promille als Bußgeldtatbestand für Radfahrer. Zahlreiche Institutionen – vom ADAC über den DVR bis zum Verkehrsgerichtstag 2015 in Goslar – unterstützen diese Position fürs Radeln mit klarem Kopf.

Dann kommen unterwegs auch wieder die besseren Ideen, für einen attraktiven Rastplatz zum Beispiel  - oder für den Nobelpreis: “Mir ist das eingefallen, während ich Fahrrad fuhr“, wird Albert Einstein im Zusammenhang mit der Relativitätstheorie zitiert. Von der Einnahme bewusstseinsverändernder Substanzen ist nichts bekannt...

Erich Kupfer

  • Foto: DVR
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