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Opel Kühlschrank – das weitgehend unbekannte Wesen

Hand aufs Herz: Hätten Sie als Auto-Liebhaber nicht auch gerne eine Kühlschrank Ihres Markenlieblings? Einen von BMW, Mercedes-Benz oder sogar Porsche? Pech gehabt, nicht aber für Liebhaber der Marke Opel. Vor stolzen 150 Jahren gegründet, übte sich das Unternehmen zunächst in der Produktion von Nähmaschinen, später auch Fahrrädern. Noch später Schlag auf Schlag: Personenkraftwagen, Lastkraftwagen, Flugmotoren und und und. Aber Kühlschränke?

1919 wurde die 1916 in Fort Wayne, Indiana, gegründete Guardian Frigerator Company vom amerikanischen Automobilhersteller General Motors (GM) übernommen. Im gleichen Jahr startete die Produktion von Kühlschränken unter der Marke „Frigidaire“. Eine geniale Idee: der Markenname wurde zum Gattungsbegriff. Bis heute steht im englischsprachigen Raum die Kurzform „Fridge“ als Synonym für den Kühlschrank.

1927 wurde der deutsche Ableger gegründet, der Frigidaire G.m.b.H. mit Sitz in Berlin, Schillerstraße 6. Als Folge der weiteren Expansion und der gestiegenen Nachfrage entstand 1937 in Rüsselsheim ein eigenes Werk, das zunächst nur Kühlschrankgehäuse zur Komplettierung nach Berlin lieferte. Dies änderte sich im Folgejahr.

Nach Ende des 2. Weltkrieges lagen die Werke in Berlin und Rüsselsheim in Trümmern. Der Wiederaufbau fand allerdings nur in Hessen statt. 1949 wurde die Marke Frigidaire unter das Dach der Adam Opel AG eingegliedert. Kein Geld, kaum Perspektiven, Deutschland im Wiederaufbau: neben der Produktion von Automobilen suchte Opel weitere Ertragsmöglichkeiten. Erfolgreich, wie sich zeigen sollte.

So berichtete die Opel Post 1950 in ihrer Juni-Ausgabe über das diesbezügliche Produktionsprogramm:

  • Kühlschränke für Haushalt (120 und 200 Liter Inhalt) und Gewerbe, so wie Spezial-Gewerbekühlschränke für Großbetriebe wie Krankenhäuser, Fabriken, Kaufhäuser
  • Hermetische Rollkolbenverdichter, so genannte „Sparwatt-Motoren“ für die Kühlschränke
  • Offene Kompressoren (6 Typen), Verdampfer in 30 verschiedenen Größen, so wie Kühlaggregate für gewerbliche Anlagen
  • Sonderausführungen von Kühlanlagen für Hotels, Restaurants, Bars und Konditoreien
  • Klima-Anlagen, Speiseeisbereiter und Spezial-Speiseeis-Kühlschränke
  • Warmwasserspeicher, elektrische Waschmaschinen, elektrische Herde und Backöfen für Groß- und Kleinbetriebe und elektrische Lufttrockner.


Bemerkung am Rande: Bei der Opel Post, die 1949 erstmals erschien, handelt es sich um das älteste bekannte deutsche Mitarbeiter-Magazin.

Im Oktober 1951 verließ der 10.000ste, im Januar 1954 bereits der 50.000ste Kühlschrank das Rüsselsheimer Band. Das entspricht einer Monatsproduktion von stolzen 1.500 Geräten.

In den 1950er-Jahren nahm der Kühlschrank auf der Wunschliste der Hausfrauen Platz 1 ein. Doch lange Zeit war der hohe Anschaffungspreis das entscheidende Kaufhindernis. Nichts desto trotz texteten die Werber aufmunternd Mitte der 1950er-Jahre in einer Broschüre: „Hat der Frigidaire erst einmal in Ihrem Heim Einzug gehalten, so werden Sie sich fragen, wie Sie ohne ihn auskommen konnten“.

Noch 1957 kostete ein einfacher Kühlschrank so viel wie ein Monatslohn eines Angestellten. 1958 besaßen nur 21 Prozent der Haushalte einen Kühlschrank, erst 1965 wurde dann die 60 Prozent-Marke durchbrochen. Doch zu diesem Zeitpunkte gab es bereits keine Opel Kühlschränke mehr: 1959 hatte die Adam Opel AG die Produktion für Privathaushalte eingestellt. 1962, also vor 50 Jahren, auch die gewerbliche Fertigung von Frigidaire-Produkten.

Design der 1950er-Jahre

Der allmähliche Bedeutungswandel vom modernen Vorratsschrank zum Prestigeobjekt machte sich im Laufe der 1950er-Jahre auch am Design der Kühlschränke bemerkbar. Aus dem Gerät, dass in seiner Formgebung immer noch an die 1930er-Jahre erinnerte, wurde nun ein Objekt mit eigener Formensprache: Die Beine verschwanden und die Außenhaut wandelte sich – nach dem Vorbild der Automobilindustrie – zur selbsttragenden Stahlkarosserie mit glänzender Spritzlackierung. Überhaupt erinnern die Kühlschrankmodelle ab der zweiten Hälfte der 50er Jahre immer mehr an Straßenkreuzer dieser Zeit, die ja auch Luxusobjekte waren. Vorbilder dafür kamen aus den USA. Dort hatten sich längst namhafte Designer der Gestaltung von Haushaltsgeräten angenommen. Einer der berühmtesten Vertreter war Raymond Loewy, der neben Interieurs, Eisenbahnen, Bussen und Radios auch Kühlgeräte in der beliebten Stromlinienform entwickelte.. Für den ‚Coldspot Super-Six‘ der Firma Sears Roebuck entwarf er 1934 die äußere Form völlig neu. Dabei verwendete der Designer eine bildhauerische Technik in Lehm. Dieses Verfahren sollte später bei der Automobilentwicklung zum Standard werden. Der von Loewy angestrebte „automotive effect“ zeigte sich bei diesem Kühlschrank vor allem an der Gehäuseform. Aber auch andere prägnante Details der Autokarosserie wurden übernommen: Das V-förmige Profil der Kühlerfronten, die exponierte Platzierung von Markenemblemen und die Lüftungsschlitze unter der Tür erinnern an Autokühlergrills. Ähnliche Kühlschränke wurden in den 1950er Jahren auch in Deutschland hergestellt. Ein Beispiel für die liebevolle Detailgestaltung sind die Modelle von Frigidaire, auf deren gerundeter Tür oben stolz das Emblem des Herstellers – eine Krone mit dem Buchstaben F darin – prangt. Nebenbei bemerkt: Wegen ihrer Beständigkeit verwendete Frigidaire bereits seit 1928 Duco-Autolacke für die Kühlschrankbleche.

Dieter Ritter

Der Charme der 50er
  • Gewerblicher Einsatz 1929: Rind- und Schweineschlächterei und Wurstfabrik in Berlin (Opel Classic Archiv der Adam Opel AG)
  • Großraumkühlschrank mit Designgriff (Opel Classic Archiv der Adam Opel AG)
  • Typisch 1950er-Jahre: Das Wirtschaftswunder lässt grüßen (Opel Classic Archiv der Adam Opel AG)
  • Unübersehbar ein Produkt der Adam Opel A.G. Foto: Marcus Aurelius

Chronologie

  • 1919 startet General Motors in Detroit die Kühlschrank-Produktion
  • 1927 Gründung der deutschen Tochter Frigidaire GmbH in Berlin
  • 1948 Eingliederung der Marke in die Adam Opel AG
  • 1950er-Jahre Monatsproduktion von knapp 1.500 Opel Kühlschränken
  • 1962 Ende der Fertigung in Deutschland wegen Konzentration auf Automobilbau
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