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Nach 19 Jahren Frischzellenkur ist die Wuppertaler Schwebebahn wieder mobil

Eigentlich sollte die Wuppertaler Schwebebahn zu ihrem 100.Geburtstag 2001 rundum aufgefrischt ins zweite Jahrhundert starten. Fünf Jahre, so die Wuppertaler Stadtwerke (WSW) damals, sollte die komplette Erneuerung der Strecke dauern, die 1996 mit der schrittweisen Demontage des 13,3 Kilometer langen Stahlgerüstes und der 19 daran hängenden Bahnhöfe begonnen hatte. Hinzu kam als neuer 20. Haltepunkt der Kulturbahnhof Kluse, der nach dem Krieg nicht wiederaufgebaut worden war.

Nun, nach 19 Jahren, ist das Ziel erreicht. Unvorhersehbare Ereignisse wirbelten den Zeitplan immer wieder kräftig durcheinander. Die Lavis-Holzmann-Pleite erforderte langwierige Neuausschreibungen der Stahlbaugewerke, ehe es weiterging. Zwei Monate ruhten Montage und Fahrbetrieb nach dem Absturz eines Zuges am 12. April 1999. Ein vergessenes Metallstück auf der Fahrschiene hatte fünf Passagiere in den Tod gerissen, 47 erlitten Verletzungen. Von Ende 2003 bis Anfang 2006 wurden die Bauarbeiten komplett ausgesetzt. Grund war das liebe Geld. Wegen Unklarheiten über die Förderfähigkeit stoppte das Land Nordrhein-Westfalen seinen Finanzierungsanteil. Vom 15. Dezember 2009 bis Ostern 2010 ruhte erneut der Betrieb, weil Rost die noch nicht ausgetauschten alten Gerüste gefährdete. 2011 verzögerten ein Bombenfund, marode Gemäuer und Hochwasser den Bahnhofsneubau Landgericht. Fast hätte es dann noch 2013 mit dem Abschluss geklappt. Da löste sich im Oktober eine Stromschiene, stürzte auf die Straße und demolierte zwei Autos. Die Bahn hing fest, die Feuerwehr musste 73 Personen aus luftiger Höhe mit Leitern evakuieren.

Geschichte. Seit diesem Sommer können täglich wieder bis zu 85.000 Fahrgäste  stressfrei ohne Stau durch Wuppertal schweben. Je nach Uhrzeit und Tag dauert die Fahrt über die gesamte Strecke 28 bis 30 Minuten. Von Wuppertal-Vohwinkel im Westen bis Oberbarmen im Osten führt sie acht Meter hoch über Land und zwölf  Meter über der Wupper. Kein anderes Fahrzeug schafft das schneller auf der mit Ampeln und Baustellen gebeutelten Hauptverkehrsachse Bundesstraße 7. Der „stahlharte Drache mit sprühenden Augen“ zieht wieder seine gewohnte Runde, frei zitiert nach den Dichterworten von Else Lasker-Schüler, der großen Tochter Wuppertals.

Trotz Pleite, Pech und Pannen: Architekten, Ingenieure und Mitarbeiter der WSW und anderer beteiligter Firmen haben die logistischen und technischen Herausforderungen mit Bravour gemeistert. Der gesamte Prozess vollzog sich bei laufendem Betrieb. Von Zwangspausen abgesehen, blieben die Züge nur in den großen Ferien oder an Wochenenden in den Depots. Dann herrschte in den Bussen des „Schwebebahn-Express“ zur Rushhour drangvolle Enge.

Auf den Baustellen ging es 24 Stunden ununterbrochen rund,  ratterten die Presslufthämmer, zischten die Schweißbrenner, wuchteten 40 Meter hohe Kranriesen tonnenschwere Stahlträger in ihre Position. Ein Mammutprojekt! 40.000 Tonnen Stahl wurden für das neue Gerüst aus 468 Brücken und Stützen sowie für die Haltestellen verbaut. Um das ursprüngliche Erscheinungsbild der Konstruktion zu erhalten, griff man auf die Niettechnik von 1900 zurück. Über 2,5 Millionen Stück kamen da zusammen, sollen für weitere 100 Jahre Stabilität und Sicherheit gewähren.

Die modernen Bahnhöfe frischen das Stadtbild auf, sind großzügig verglast, fahrgastfreundlich, barrierefrei und mit Aufzügen ausgestattet. Drei Stationen erinnern noch mit Jugendstil-Elementen an die Kaiserzeit. Das von Zwiebeltürmchen gekrönte Prachtstück Werther Brücke erstrahlt abends in farbigem Licht. Auch bei der Wagenhalle Oberbarmen wurde die historische Optik beibehalten. Die neue Wendeschleife hinter der Fassade fertigt die Züge rascher ab. Sie brauchen nicht mehr das ganze Depot durchqueren. Das ist eine wichtige Voraussetzung für die künftige höhere Taktfrequenz. Die dafür benötigten 31 Wagen der neuen Generation sollen im Zwei-Minuten-Abstand verkehren, eine Verbesserung um 40 Prozent. 2015 wird Vossloh Kiepe (Düsseldorf) den ersten Zug ausliefern. Nach und nach werden dann die Baureihen 1972-74 ausgemustert.

Aus neun Bewerbern entschied die Jury für den Entwurf von Staudach-Design (Berlin): Fahrzeuge mit neuer Raumaufteilung, behindertengerecht, 45 Sitze, große Fenster und LED-Beleuchtung. Ein fast bis zum Boden reichendes Panoramafenster im Fond bietet freie Sicht auf die Landschaft. Der Fahrerstand kann durch eine Plexiglashülle beobachtet werden. Die Außenhaut aus Aluminium sowie Front  und Heck aus Glasfaser-Verbundwerkstoffen wie im Flugzeugbau wurden behutsam optimiert. Die leicht nach unten geneigte Frontpartie wirkt aerodynamisch.

Die neue Flotte wird 122 Millionen Euro kosten. Der Schwebebahnausbau beträgt 512 Millionen Euro, war auf 490 Millionen DM angesetzt. Er kommt, wenn auch verspätet, zur rechten Zeit. Die Neugestaltung des Hauptbahnhofs Wuppertal-Elberfeld bedingt eine bis zu dreijährige Teilsperrung der Talachse B7 für den gesamten Kraftfahrzeugverkehr. Zeitraubende Umleitungen über die Höhen sind eingerichtet. Nur die Schwebebahn hat freie Fahrt. Ein Ausfall wäre der Supergau!

Karl-Hugo Dierichs

  • Über der Wupper: Schwebebahnzug der Baureihe 1974, Foto: Dierichs
  • 12. April 1999: Die abgestürzten Wagen in der Wupper, Foto: Dierichs
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