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Mit Schokolade und Hühnerbein

Unterwegs in der „Asphaltarena“ der jungen Bundesrepublik Deutschland

„Mit achtzig und besoffen durch die Stadt“, staunt der Enkel, der die ersten Fahrstunden nimmt, „das war OK in deiner Zeit?“ - „Nun ja“, klärt der Opa auf, „jedenfalls nicht konkret verboten“. Die junge Bundesrepublik Deutschland ist 1953 noch minderjährig und braucht damals in der Tat lange Monate, die gesetzlose Zeit zu überwinden.

Noch mehr Zeit vergeht, ehe die zeitgenössisch „Dickstrichkette“ genannten weißen Streifen auf der Fahrbahn zum Gebotszeichen werden. Bis dahin rät man Fußgängern auf dem Weg zum Bürgersteig gegenüber zur Eile und empfiehlt, sicherheitshalber einen gelben Wimpel zu schwenken. Nicht, weil sich etwa ein Radler schwankend nähert. Ein Verkehrsgerichtstag in Goslar, der allen Ernstes bei angesäuselten Pedaleuren ordnungswidriges Verhalten erkennt – undenkbar.

Bis 1966 sieht die Rechtsprechung des BGH selbst beim Autofahrer die absolute Fahruntüchtigkeit mit 1,5 Promille erreicht. Ein zeitgenössischer Praxistest stützt die Position: „Der Proband fuhr nach zwölf Steinhäger fehlerlos“, ein anderer bewältigte nach acht Whiskey ausgezeichnet den zu fahrenden Parcours, wie unlängst vom Südwestrundfunk zusammengestellte Fernsehbilder vom Verkehr in der sogenannten Wirtschaftswunderzeit belegen. Der zum Vergleich bereitstehende nüchterne Fahrer fiel durch Minderleistung auf; O-Ton: „Vielleicht hat er die Aufgabe nicht ernst genug genommen.“

In der TV-Sendung „Pro & Contra“ plädiert Motorjournallisten-Ikone Richard von Frankenberg für französische Lebensart. Es geht in der Debatte um alkoholbedingte Fahruntüchtigkeit ab 0,8 oder ab 1,3 Promille. Frankenberg veranschaulicht seinen Standpunkt wider den Wert 0,8 mit einem Bild vom Nachbarland, das er nicht „zur Hälfte im Knast“ sehen will: „Der Franzose trinkt mittags seinen Aperitif, nicht zu knapp, zum Essen zwei Viertel Wein und dann einen Schnaps – abends wiederholt es sich genauso. Und schauen Sie hin, wie gut dort Auto gefahren wird.“ Am Ende votiert das Studiopublikum mit großer Mehrheit für 1,3 als den angemessenen Wert.

Genau genommen existieren in Westdeutschland vom 23. Januar bis zum 5. November 1953, als der BGH dann den Autofahrer vorläufig auf 1,5 Promille eicht, tatsächlich weder eine gesetzliche Regelung für Alkoholgrenzwerte noch zu Geschwindigkeitsbegrenzungen für Autos und Motorräder. Erst im September 1957 wird innerorts wieder ein Limit von 50 km/h eingeführt. (Der Bundestag hatte alte Begrenzungen aus der Zeit des Nationalsozialismus ausgesetzt.) Freilich: Die StVO verpflichtet den Fahrzeugführer auch in jener Zeit - unter anderem – dazu, jederzeit rechtzeitig anhalten zu können. Fahren mit Augenmaß, sozusagen, mit oder ohne Brille beim Sehtest vor Erteilung einer Fahrerlaubnis. Er wird 1963 eingeführt. Fehlt es dabei gerade an der entsprechenden technischen Ausrüstung, löst der Praktiker die Sache so: „Gehen Sie bitte mal 15 Schritte vom Wagen weg. Können Sie jetzt das Nummernschild noch lesen?“

„Mit Herren nicht so schlechte Erfahrungen“

Derweil werden in Schwarzwälder Manufakturen bald mehr Park- als Kuckucksuhren montiert. Der um die 500 Mark teure „Parkograph“ spielt groschenweise auch die Gehälter für einen neuen Berufszweig ein: In Mannheim und Karlsruhe betritt zur Überwachung des ruhenden Verkehrs erstmals der „weibliche Polizeikörper“ die Straße. „Jung, adrett, gutes Aussehen, 21 bis 26 Jahre, gute Allgemeinbildung“ - Attribute, die bei der Einstellung hilfreich sind. Die Damen werden auch „Zettelmädchen“ genannt, eine von ihnen gibt vor der Kamera zu Protokoll: „Mit Herren haben wir nicht so schlechte Erfahrungen wie mit Damen.“ Ein „Knöllchen“ gibt es zunächst für drei, ab Januar 1964 für fünf Mark.

TV-Bilder jener Jahre aus dem Umfeld von Zebrastreifen lassen schier das Blut in den Adern gefrieren; Jagdszenen spielen sich ab. Aus dem Off kommentiert ein Sprecher mit sorgenschwerer Intonation: „Da springen Fußgänger täglich in die Asphaltarena“. 1947 in England erfunden, ab 1952 in Deutschland verbreitet. Autofahrer ignorieren die ungewohnten Striche, täglich verlieren in Deutschland West drei Menschen an den Übergängen ihr Leben. Erst im Juni 1964  erhält der Fußgänger Vortritt. Die Polizei begrüßt das neue Gebotszeichen, allerdings: „Mancher Fußgänger wird jetzt glauben, er sei König auf dem Zebrastreifen und die Straße im Schneckentempo überqueren“, prophezeit ein uniformierter Beamter.

Weitere Folge des Vorrechts für Fußgänger:1964 werden etliche Zebrastreifen wieder beseitigt - zugunsten des Verkehrsflusses auf der Straße. Hauptsache flott, Kraftstoff sparen ist noch nicht in. Noch billiger fährt, wer die neuartige SB-Tankstelle anläuft. Damit der Selbsttanker dort nicht dilettiert, widmet ihm die Fernsehsendung Rasthaus eine eigene Folge. Die Qualität von Prognosen illustriert dabei auch diese: Experten der Zeit schließen nicht aus, dass künftig bis zu 50 Prozent der Autofahrer und -fahrerinnen selber tanken werden – ohne den Tankwart, der die Scheibe reinigt und den Hinweis auf die Folgen zu niedrigen Ölstands und Reifendrucks nicht versäumt. 

„Der Überholsport grassiert“

Ist das Auto versorgt, soll sich auch wohlfühlen, wer drin sitzt. Von schwerer Kost wird abgeraten. Richard von Frankenberg empfiehlt Schokolade und Hühnerbein für den Autofahrer.  „So haben wir uns bei Rallyes ernährt, auch bei den vielen Monte Carlo-Einsätzen.“ Nicht nur auf abgesperrten Pisten gibt man Gas. Zitat: „Der  Überholsport grassiert.“  20.000 Verkehrsopfer jener Jahre tragen jedoch zu einem Umdenken in der Gesellschaft bei. 1972 zum Beispiel wird das – lange Zeit  leidenschaftlich umstrittene - Limit von 100 km/h auf Bundes- und Landesstraßen eingeführt. Die selbst von einigen namhaften Motorjournalisten in Frage gestellte Gurtpflicht wartet noch vier Jahre, aber erst 1984 bringt das drohende ein Bußgeld den Durchbruch.

Ist etwas passiert, kommt vor Zeiten der Björn-Steiger-Stiftung Rettung nicht unbedingt sofort. Von den 300 Anlaufstellen für Unfallrettung etwa des Landes Rheinland-Pfalz haben in den 1960-er Jahren 25 Prozent noch keinen Fernsprecher, aber Verbandskasten zum Ausklappen, nach dem Vorbild von Omas Nähkästchen. Das mobile Telefon der Zeit kostet so viel wie drei VW Käfer zusammen, ist fest  im Auto verbaut und entsprechend selten. Technik wie eCall hält sich vorläufig tief hinterm Horizont verborgen. Das Fortschrittspotenzial der aufkommenden Elektronik im Auto ist indes identifiziert, ein Zitat im SWR belegt es: „Die an dem Zukunftskonzept arbeitenden Forscher sagen, später würde das Auto übrigens selber einen kleinen Computer unter der Motorhaube haben.“

Das stimmt. Nur hat man noch falsch gezählt. Mittlerweile bevölkern die Rechner sippenweise das Automobil, sind dabei, in seine letzten Winkel vorzudringen. „Opa“, sagt der Enkel, „frag´mich einfach, wenn Du was nicht peilst“.

Erich Kupfer

  • 1961 ging es in der Karlsruher Innenstadt noch gemächlich zu, Foto: Bundesarchiv

Filmspots zum Straßenverkehr der Wirtschaftswunderjahre

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