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Mille Miglia zum Dessert

Zwei Bosch-Ruheständler erfüllten sich mit einem Goliath den Traum einer Teilnahme bei der legendären Italien-Rundfahrt

Die seit 1977 ausgetragene historische Variante des italienischen Straßenrennens Mille Miglia zählt zu den bedeutendsten Oldtimerveranstaltungen weltweit. 2014 traten 450 ausgewählte Teams zu der 1.600 km langen Italienrundfahrt von Brescia nach Rom und zurück an. Zugelassen sind hierfür lediglich solche Fahrzeugtypen, die bereits an den originalen Rennveranstaltungen von 1927 bis 1957 teilgenommen haben. Wer eines der raren, noch existierenden Fahrzeuge besitzt, die schon einmal beim echten Rennen teilgenommen haben, bekommt einen der begehrten Startplätze garantiert, obwohl jährlich deutlich mehr Teilnahmewünsche geäußert werden, als Startplätze zur Verfügung stehen.

Die Mille Miglia ist ein Treffen vieler prominenter und auch weniger prominenter Oldtimer-Liebhaber. Als weniger prominente, aber dafür enthusiastische Teilnehmer nahmen die beiden Bosch-(Un)-Ruheständler Heinz Gerngroß und Robb Horton mit ihrem Goliath GP 700 die Herausforderung nach 2013 bereits zum zweiten Mal an. Den Goliath hatten die beiden gezielt für den Traum „Mille Miglia Teilnahme“ angeschafft. Als Oldtimer-Liebhaber und –Besitzer waren sie von dem Gedanken an die Italienrundfahrt fasziniert. Obwohl beide bereits reichlich Erfahrung bei verschiedenen Veranstaltungen gesammelt hatten, sollte die Mille Miglia nach dem Ausscheiden aus dem Arbeitsleben die Krönung werden.

Um sich ihren Rentnertraum zu erfüllen, studierten die Beiden erst einmal die Liste der teilnahmeberechtigten Fahrzeuge, um dann gezielt einen bezahlbaren und dennoch seltenen Wagen zu suchen. So fiel die Wahl auf den Goliath. Es folgte die Vorbereitung, die bei einem reinen Privatteam natürlich anders abläuft als bei den Werksteams. Die Promis kommen in letzter Minute zum Fahren, da ganze Mechanikerteams ihnen ein perfekt vorbereitetes Einsatzfahrzeug hinstellen und die Tour mit einer fahrenden Werkstatt samt Ersatzteillager begleiten.

Das Team Gerngroß/Horton kontrollierte die Technik im Hinblick auf die zu erwarteten Strapazen selbst, spielte den Schmiermaxen und ersetzte hier und da ein paar Verschleißteile. Anschließend wurde ein Ersatzteilpaket für – fast - alle Eventualitäten zusammengestellt. Dieses reichte von Birnen für die Scheinwerfer bis zu Zündkerzen. (Das A im Alphabet wurde nur von Äpfeln besetzt, die wohl eher nicht in die Kategorie der Ersatzteile passen!)  Dazu gesellte sich das eigene Ingenieurwissen sowie Improvisationstalent, so dass einer erfolgreichen Teilnahme nichts mehr im Weg stand und das schwarze Schätzchen frohen Mutes nach Italien transportiert werden konnte.

Moralische Unterstützung erhielten die beiden Enthusiasten von zwei rot-gelben VW Bullis, die Bosch Automotive Tradition (ATR) im Rahmenprogramm der Mille Miglia mitfahren ließ. Dabei stahlen die beliebten, auffällig lackierten und optisch original getreu restaurierten Fahrzeuge manch älterem Teilnehmer die Schau.

Schon die Fahrzeugabnahme gestaltete sich im autoverrückten Italien zu einem Erlebnis. Bei 450 Teams plus Helfern und Tausenden von Zuschauern platzt Brescia schier aus allen Nähten. Doch genau dieses mehr oder weniger organisierte Chaos trägt zum Flair und zum Mythos der Mille Miglia bei. Das eigentliche Abenteuer startete für die Helden unserer Geschichte mit Start-Nr. 295 am Donnerstag gegen 20.30 Uhr. Die erste Etappe führte von Brescia über so schöne Mittelalterstädte wie Marostica und Bassano del Grappa nach Padua. Den vorgegebenen Schnitt einzuhalten, war gar nicht einfach. Im Gegensatz zu früheren Jahren teile die Polizei die Begeisterung nur bedingt und sorgte nicht überall für freie Fahrt der Teilnehmer, was sich in einer erhöhten Anzahl von Unfällen widerspiegelte. Die Bosch-Veteranen sahen ihre Teilnahme eher olympisch, hielten sich dezent zurück und fuhren mit Rücksicht auf Verkehrsregeln und Fahrzeugtechnik klug ihr eigenes Tempo.

Nach einer recht kurzen Nacht wurde am Freitag bereits um 7.00 Uhr morgens in Thermae Abano Montegrotto das erste Fahrzeug auf die Reise über Ferrara, San Marino und Ancona nach Rom geschickt, was gemäß Vorgabe eine Fahrzeit von mehr als 15 Stunden bedeutete. Der Wettergott zeigte sich als Freund der Oldtimerfahrer und lies es weder regnen noch brannte die Sonne unbarmherzig. Trotzdem erreichte ein Großteil des Feldes Rom erst völlig geschafft nach Mitternacht. Trotz der Kürze der Nacht - der Start war für 6.30 Uhr terminiert - war Erholung bitter nötig.

Obwohl die Veranstalter überall schöne Strecken aussuchen, hält der Samstag für die meisten Teilnehmer den reizvollsten Kurs bereit. Insbesondere die allseits bekannten Toscana-Städte Siena, Volterra und Pisa mit ihrer traumhaften Umgebung und den begeisterten Zuschauern sind schon alleine eine Teilnahme bei der Mille Miglia wert. Zudem lassen einige Pässe, wie etwa der Futapass, die Fahrerherzen höher schlagen. Er erreicht zwar nur gut 900 Meter Höhe; es reiht sich jedoch Kurve an Kurve.

Nach einer vergleichsweise langen Nacht in Bologna verlief die abschließende Etappe über Modena zurück nach Brescia. Zu Ehren des italienischen Rennfahreridols Tazio Nuvolari wurde dessen Heimatstadt Mantua ebenfalls in die Route integriert. Selbstverständlich erreichten die Bosch-Teilnehmer nach 1600 anstrengenden und – im positiven Sinn – ereignisreichen Kilometern in Brescia in Wertung. Dass die Herren dabei Platz 172 im Gesamtklassement erreichten und damit zwei Plätze besser waren als der Porsche-Aufsichtsratsvorsitzende Dr. Wolfgang Porsche zusammen mit seinem Sohn Ferdinand, war für das Erlebnis absolut nebensächlich.

Ob die Unruheständler, frei nach dem Sprichwort „Aller guten Dinge sind drei“, mit ihrem Goliath noch ein weiteres Mal bei der Mille Miglia antreten werden, steht derzeit noch in den Sternen. Schließlich hat jeder bereits das Abenteuer als Fahrer und als Beifahrer erlebt und mehr als zwei Handgelenke zum Tragen der limitierten Editionsuhren stehen auch nicht zur Verfügung.

Ronald Ritter

  • Volles Haus: Brescia platzt vor dem Start vor Oldtimern und Zuschauern aus allen Nähten, Foto: Werner Wagner
  • Teamgeist: Die Unruheständler Robb Horton & Günter Gerngroß freuen sich vor ihrem Goliath auf das große Abenteuer, Foto: Werner Wagner
  • Wer sein Auto liebt, der schiebt: Als Bosch Renndienst von 1954 bringen die Herren den Goliath zeitgenössisch zur Abnahme, Foto: Werner Wagner
  • Reparatur: Nicht alle Fahrzeuge überstanden die 1600 km so problemlos wie der gut vorbereitete Goliath, Foto: Werner Wagner
  • Tradition: Seit der ersten Mille Miglia 1927 tragen Fahrzeuge der früheren Marke O.M. die einstelligen Startnummern, Foto: Werner Wagner
  • Unikat: BMW Classic setzte einen BMW 328 mit aerodynamischer Spezialkarosserie ein, der als Werkswagen bereits die Mille Miglia 1939 bestritt, Foto: Werner Wagner
  • Bandbreite: Ein 6-Zylinder Maserati erreicht vor dem 2-Zylinder Goliath die Durchfahrtskontrolle in Riccione, Foto: Werner Wagner
  • Technikcheck: Serviceintervalle kennen Oldtimer nicht, so dass stetige Kontrolle angesagt war, Foto: Werner Wagner
  • Historisch wertvoll: Das Team Dombrowsky passiert mit seinem Fiat 750 Sport, der bereits die Mille Miglia 1948 bestritt, den Stadtstaat San Marino, Foto: Werner Wagner
  • Informationsaustausch: Goliath und Bulli treffen sich in San Marino, Foto: Werner Wagner
  • Kurvenspaß: Das britische Team Johnson/Dixon genießt im Jaguar C-Type die reizvollen Strecken, Foto: Werner Wagner
  • Begeisterung: Das italienische Bugatti-Team Brevini/Felloni kämpft sich in Volterra durch die Zuschauermassen, Foto: Werner Wagner
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