Goodwood Revival: Ein Muss im Oldtimer-Kalender
Als ich auf Einladung eines englischen Freundes zum ersten Mal im Jahr 1999 ohne jede Ahnung beim ’Goodwood Revival’ auf einer vom englischen Regen durchweichten Wiese ankam und die altmodisch gekleideten Besucher aussteigen sah, war mir klar, dass hier eine Kultveranstaltung in der Oldtimer Szene entstand.
Ein Jahr zuvor hatte der Earl of March den von seinem Großvater, dem 9. Duke of Richmond, im Jahre 1948 eröffneten ’Motor Circuit at Goodwood’ aus seinem seit 1966 gehaltenen Dornröschenschlaf als ’Goodwood Revival’ reanimiert. Bereits zu diesem zweiten ’Goodwood Revival’ kamen 90.000 (!) Besucher.
Dass insbesondere die im Stile der 40iger bis 60iger Jahre gekleideten und gestylten Damen, den strömenden Regens ignorierend, aus ihren Autos ausstiegen - feste Platten als Gehwege und Fahrbahnen gab es 1999 noch nicht - und mit ihren Pumps so manchen Regenwurm zur unfreiwilligen Vermehrung zerteilten, erlebt man bis heute nur in England. Statt in Pumps steckten die Füße der Damen nach einer halben Stunde auf regennassem Boden damals aber doch in Gummistiefeln, was auch irgendwie ungewöhnlich aussah. An den Autos der Besucher sah man kaum ausländische Autokennzeichen, weder an den neuen, noch denjenigen bis zum Baujahr 1966 (letztes Rennen einer offiziellen Rennserie), die schon damals auf einer besonderen Wiese direkt vor dem Haupteingang abgestellt werden durften.
Heute ist das ’Goodwood Revival’ ein ’Muss’ im Kalender eines jeden Oldtimer und ’old fashion’ Enthusiasten. Rund 140.000 Besucher kamen in diesem Jahr. Die Autokennzeichen auf den Wiesen, die inzwischen teilweise mit festen Fahr- und Fußwegen aus Aluplatten versehen sind, kommen aus ganz Europa. Fast alle halten sich an die Vorgabe des Earl of March und kommen in der Mode oder Uniform von 1940 bis 1960. Insbesondere die Damen sind am Sonnabend, dem Ladies Day, eine Augenweide, wenn sie mit ihren, Kleidern, Faltenröcken, Kostümen, Hüten, Federn, Pelzteilen oder auch im Mini oder als Hippie um die alten Rennwagen, Motorräder und Flugzeuge aus der Pionier- und Kriegszeit herumstöckeln. Für den Zutritt zum Fahrerlager reicht für den Herren nicht etwa nur die entsprechende Pappmarke am Sakko; vielmehr sind Stoffhose, Jackett und Krawatte, eine Uniform oder ein weißer Mechaniker Overall aus Baumwolle Pflicht; auch die meisten Herren tragen Hut dazu. Das ’Goodwood Revival’ wird zelebriert und man meint sich wirklich in die alte Zeit zurückversetzt.
Ein fantastischer sonniger Freitag, ein durchwachsener Sonnabend und ein regnerischer Sonntag mit „occasional rain“ bescherte den Zuschauern spektakuläre und bis zur Zielflagge packende Rennen mit „plenty of thrills plus a few spills“. Wo anders auf der Welt haben Amateure die Chance, sich in einem der 13 verschiedenen Rennklassen mit insgesamt 72 ehemaligen Rennfahrern zu messen. Ob der Streckensprecher bei den ehemaligen Profis oder den Amateuren öfter ins Mikrofon rief „Oooh, a big spin!“, habe ich nicht notiert. Den ersten veritablen crash baute schon am Freitag bei schönstem Sonnenschein Ex-Formel-1-Fahrer Gerhard Berger, als er einen AC Cobra an der Bande der ’Goodwood Corner’ frontal zerlegte und der Streckensprecher mit einigen Pausen aufschrie: „Oooh….he dashed the tash,…...the car is absolutely damaged, …...what a shame.“ Selbst auf regennasser Strecke am Sonntag schenkte man sich nichts. Auf keinen Fall wollte sich ein ex-Formel 1 Fahrer oder früherer Weltmeister von einem Amateur überholen lassen; oder er wollte einen seiner ehemaligen Kollegen, wenn dieser einen schweren Ford Galaxie 500 (Martin Brundle) um die Kurven wuchtete, mit einem leichten Austin Mini Cooper S (Rauno Aaltonen) bis zur letzten Kurve doch noch kriegen. Natürlich saß dem Monster und dem Winzling vom Start weg eine aufmüpfige Meute im Nacken angeführt von einem BMW 1800 TiSA (Jackie Oliver) und einem Ford-Lotus Cortina (Tom Kristensen). Auch die anderen Verfolger wie Richard Attwood (F1, Le Mans), Derek Bell (F1, Le Mans), Stig Blomquist (Rallye), Jochen Mass (F1, Le Mans), Emanuele Pirro (F1, Le Mans), um nur einige zu nennen, sorgten in jeder der verschiedenen Kategorien für Spannung, wenn auch Millionen teure Ferrari, Maserati, Bugatti, Aston Martin, AC Cobra, Ford GT 40 (einschließlich einem Prototypen) ans Limit getrieben wurden.
Aus Anlass des 100-jährigen Geburtstages des legendären Juan Manuel Fangio, der 1952 und 1953 in Goodwood um Weltmeisterschaftspunkte fuhr, hatte Mercedes-Benz drei Silberpfeile geschickt. Aus der ’Fundación Fangio’ in Argentinien waren noch zwei hier noch nie gesehene Renn-Chevrolet gekommen. Anlässlich 100 Jahre ’Ford of Great Britain’ fuhren 100 verschiedene teilweise sehr seltene und skurrile Ford Modelle trotz Regens an fröhlich winkenden Menschen um den Kurs. 50 Jahre Jaguar E-type bescherten den Zuschauern packende 45-Minuten-Rennen von 30 Renn-E-types bis Baujahr 1966.
Zwischen den Rennen kamen die Flugzeugfreunde auf ihre Kosten, wenn 10 Spitfires und ein viermotoriger Bomber im Formationsflug alle Blicke gen Himmel wandern ließen. Anlässlich 75 Jahre Spitfire - die erste flog im März 1936 - waren 14 eingeladen, 10 demonstrierten schließlich ihre Loopings und Sturzflüge. Auch die konnten übrigens auf großen Videowänden verfolgt werden. Am Boden konnten seltene Flieger aus der Pionierzeit der Fliegerei bewundert und sogar berührt werden. Ins Cockpit eines Bombers konnte man sich hineinsetzen. Mitfliegen
war in einer historischen De-Havilland Dove Passagiermaschine möglich. Wo gibt es so etwas?
Den Schönheitspreis verliehen die Besucher übrigens der einzig noch existierenden Hawker Fury MK 1 von 1934 bei den Fliegern und einem Bugatti 57 SC Atalante von 1937 bei den Autos.
Ausruhen geht fast gar nicht bei diesem weltweit größten historischen Motor- und Modespektakel, denn überall ist etwas los und etwas zu sehen oder zu bestaunen. Wer will, konnte auch den ganzen Tag tanzen, denn in verschiedenen Zelten spielten hervorragende Livebands Rock’n Roll am laufenden Band.
Das Goodwood Revival kann man schon fast als eine Art Gesamtkunstwerk bezeichnen. Das gesamte Areal ist im Stile der 40iger bis 60iger Jahre mit einer typischen 60iger Jahre Straßen Szenerie mit Tesco Supermarkt, Vintage Mode Boutiquen, einer alten DeLonghi Kaffee Bar, einem Kenwood Shop mit alten Küchengeräten und einer kleinen Zeltstadt mit Einkaufsmöglichkeiten jeder Art ein kleines Kunstwerk für sich. Ob man meint, Laurel und Hardy seien gerade von der Leinwand direkt aufs Gelände gefahren, um in und mit ihrem Ford T-Model ihre Späße zu treiben… oder sechs sexy Bunnies bringen dem ständigen Ehrengast, Sir Sterling Moss, zu dessen 82. Geburtstag ein Ständchen nebst Torte… oder 10 Girls im sexy 60iger Jahre Tesco Dress stehen Spalier… oder eine Mädchen Truppe singt a-capella ’Rum & Coco Cola’ der Andrew Sisters und vieles mehr… oder eine Mädchengruppe tanzt … oder eine kleine Männertruppe in Original Uniformen mit allen Abzeichen stocht im Gleichschritt mit präsentiertem Gewehr übers Gelände… oder es steht einfach nur so irgend ein seltenes Auto da. Wer hat überhaupt schon mal einen Monteverdi Hai in Natura gesehen? Beim Herumlaufen bleibt man unweigerlich immer wieder stehen, um sich über irgendeine Darbietung oder etwas Besonderes oder Sonderbares zu freuen und überhaupt, immer und überall die vielen hübsch gekleideten und behüteten Damen. Die Mode war damals auf jeden Fall nicht so langweilig und eintönig wie heute. Selbst der Anfang und das Ende eines jeden Tages ist ein mit nichts zu vergleichendes Erlebnis, wenn man an auch auf dem Außengelände aufgebauten Zelten mit den vielfältigsten Angeboten bis hin einem großen Zelt mit zur Versteigerung stehenden Autos - hier waren sogar Schnäppchen zu machen - und Jahrmarktsattraktion bis hin zum großen Kinderkarussell und schließlich an den teilweise phantastischen und seltenen Autos der Besucher auf die Suche nach seinem eigenen Auto ging.
So wird das ’Goodwood Revival’ durch die jährlich wechselnden Hauptthemen und Highlights gerade für die Zuschauer, die hier eben nicht nur auf der Tribüne hocken, niemals langweilig. Die Karten können übrigens nur im Voraus über das Internet bestellt werden. Eine Tageskasse gibt es nicht. “See you again at the ’Goodwood Revival”, nächstes Jahr vom 14. bis 16.9.2012.
Holger Odemann









