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Der Herr der Ringe

Der Dieselring ist ein schönes Beispiel für die Pflege handwerklicher Tradition. Er wird noch heute so gefertigt wie vor 60 Jahren.

Das Jahr 1954 brachte der jungen Bundesrepublik Deutschland einen gehörigen Schub Selbstvertrauen. In Bern triumphiert die Fußball-Nationalmannschaft unter der Führung von Sepp Herberger als Welt-meister, der Autobauer Daimler-Benz präsentiert mit dem Mercedes 300 SL seinen ersten Nachkriegs-Sportwagen, in Kassel wird das Bundessozialgericht eröffnet. Es galt das Motto: Wir sind wieder wer. Kein Wunder also, dass in Berlin die Granden des ebenfalls noch jungen Verbands der Motorjournalisten überlegen, wie man den zu stiftenden Preis für Verkehrssicherheit würdig und repräsentativ ausstatten könne. Das Ergebnis der Diskussion ist bekannt: Mit dem „Goldenen Dieselring des VdM“ schaffen die Verbandsgründer eine Auszeichnung, die sich über die Jahre zu einem der renommiertesten Preise im Verkehrssektor entwickelt.

Der Ring, ganz im Stil seiner Zeit gestaltet, ist schwer, massig und auffäl-lig. Aus purem Gold gefertigt repräsentiert er nicht nur einen rein materiellen Wert. Zudem bekommt der Ring noch eine überaus symbolträchtige Aufwertung. Zentral eingearbeitet ist ein kleiner, bläulich schimmernder Metallspan. Dieser stammt vom ersten Versuchsmotor Rudolf Diesels aus dem Jahr 1893. In einem zeremoniellen Akt unter Aufsicht des Germanischen Lloyd wurde dazu am 21. Juni 1954 eine Scheibe von einer Motorschraube abgetrennt, ihr hat man den Span entnommen, der fast wie ein funkelnder Edelstein den Ring krönt.

Ein Original – 69 Duplikate

Exakt 69 Preisträger haben seit der ersten Verleihung im Jahr 1955 die begehrte Trophäe erhalten und zu deren Besonderheiten zählt, dass es zu dem alljährlich verliehenen Original auch eine entsprechende Anzahl Duplikate gibt, da jeder Preisträger nach seinem Auszeichnungsjahr eine für ihn maßgefertigte Kopie erhält.
Von Anfang an liegt die Erstellung der Dieselringe in kundiger Hand: Der Berliner Goldschmiedemeister Kurt Weinland schafft das Original und zeichnet ab da auch für die Duplikate verantwortlich. Bis 1982 geht das so, dann überlässt Weinland endgültig die Herstellung seinem ehemali-gen Lehrling, Gesellen und Meister Franz Walla, der sich in Berlin-Lichterfelde als Gold- und Silberschmiedemeister mit eigener Werkstatt selbstständig macht.

Walla, Jahrgang 1951, hat schon im Betrieb seines ehemaligen Ausbil-ders einige Dieselringe gefertigt und wie dieser ist er stolz darauf, handwerkliche Tradition zu pflegen und Fertigkeiten zu besitzen, die heutzutage kaum noch jemand beherrscht:  Treiben und Ziselieren, Granulieren und Emaillieren sowie das komplizierte Herstellen von Tula-Silber – Niellieren genannt. Es braucht solche umfangreichen Kenntnisse, um den Dieselring anzufertigen und dafür zu sorgen, dass ein Exemplar dem anderen zum Verwechseln ähnlich sieht, obwohl doch jeder Ring ein handgefertigtes Unikat ist.
Der Herstellungsprozess hat sich, wie der Fachmann erzählt, in den letzten 60 Jahren kaum verändert. Aus 14-karätigem Goldblech arbeitet Walla die Details für den Ring: das mehrteilige Oberteil, die Zarge, den oberen Boden, den eigentlichen Ring sowie die Fassung für den Stahl-span. Der stammt – einziger Unterschied zum ursprünglichen Ring – nicht von der einst abgetrennten Motorschraube, sondern ist aus Werkzeugstahl. Zwei Stäbe von je zehn Millimeter Durchmesser hat Weinland vor vielen Jahren zu diesem Zweck vom VdM erhalten. Nachdem diese aufgebraucht waren, hat Meister Walla – kleine Pikanterie am Rande – aus einer Mercedes-Werkstatt ein Stück Werkzeugstahl bekommen. Davon trennt er nun alljährlich ein rund 3,5 Gramm schweres Stückchen ab, das den Ring ziert. Damit der Stahlspan seine bläuliche Farbe bekommt, die ihm fast Edelsteincharakter verleiht, wird er im Feuer „angelassen“ und danach sorgsam poliert.

Ein Ring – 16 Buchstaben

Die 16 Buchstaben für den namengebenden Text sägt Walla aus einem schmalen Goldstreifen einzeln aus. Hernach werden sie in die vier Zwi-schenräume von Zarge und Oberteil eingelötet, damit sich der Wortlaut „VdM – Diesel – VdM – Ring“ ergibt. Ein gutes Augenmaß und viel Erfahrung sind nötig, um die Abstände zwischen den Buchstaben exakt so zu treffen, dass ein insgesamt harmonisches Schriftbild entsteht. Zwischen dem Oberteil mit den Buchstaben und dem eigentlichen Ring, der abhängig vom Fingerdurchmesser des künftigen Trägers entsteht, bleibt ein kleiner Hohlraum. „Schon aus Gewichts- und Kostengründen“, so erläutert Walla, kann man den Ring nicht massiv fertigen.“ Dieser Hohlraum birgt ein Geheimnis. In die Bodenplatte ist, von außen unsichtbar die Geburtsurkunde des Rings eingraviert: Das Herstellungsdatum, der Name Walla sowie der Herstellungsort Berlin. „Könnte ja sein, dass in 1.000 Jahren mal einer wissen will, wer einen solch edlen Ring angefertigt hat“, erklärt Walla dazu verschmitzt.

Die sorgfältige Arbeit kostet Zeit – und auch bei  Goldschmieden gilt: Zeit ist Geld. Da liegt es nahe, den Herstellungsprozess zu vereinfachen, um wenigstens einen Teil der ständig steigenden Material- und Arbeitskosten zu kompensieren. Deshalb entwickelt Walla in Absprache mit seinem Auftraggeber einen Plan: Er fertigt ein Wachsmodell von einem Ring und macht davon einen Abguss. Dieser dient als Vorlage, um das Ringoberteil mit Hilfe modernster CNC-Technik zu schneiden. Mit Hilfe dieses modernen Verfahrens  entstehen zwei Dieselringe. Das Ergebnis kann sich zwar durchaus sehen lassen, auch die rationell gefertigten Ringe sind optisch gelungen, doch sie wirken zu perfekt, zu glatt, zu ebenmäßig. Besonders im direkten Vergleich – hier handwerklich gefertigter, dort maschinell hergestellter Ring – fällt das unangenehm auf. Sehr zum Leidwesen des Schatzmeisters beschließt der VdM-Vorstand daraufhin, die Ringduplikate weiterhin ausschließlich von Wallas meisterlicher Hand fertigen zu lassen.

Ein Diebstahl –  ein Recyclingfall

Die beiden High-Tech-Ringe existieren übrigens nicht mehr. Einer wird schon bald nach der Verleihung seinem Träger bei einem Einbruch ge-stohlen. Die Diebe haben es wohl auf den Goldwert (Der Ring wiegt je nach Größe zwischen 27 und 29 Gramm) abgesehen. Man kann deshalb davon ausgehen, dass das gute Stück eingeschmolzen und zu Geld ge-macht wurde. Der andere Ring wird vom VdM wieder eingezogen und Walla zum Recyceln übergeben. Alle bisherigen –  und sicher auch die künftigen – Dieselring-Träger können sich also mit traditioneller Hand-werkskunst schmücken.
Ob das auch in Zukunft so sein wird? Wollen wir’s hoffen. Meister Walla hat das Rentenalter in Sicht und macht keinen Hehl daraus, dass er sei-nen Ruhestand auch genießen will. Doch vielleicht hat er ja vorgesorgt. Seine von ihm flapsig „Azubine“ genannte Mitarbeiterin Sahra Rothkirch lernt bei ihm alle Tricks und Kniffe, die es braucht, um einen echten Dieselring zu kreieren. Vielleicht setzt sie ja eines Tages die Tradition fort. 

Franz-Peter Strohbücker

  • Ob Lehrling oder Meister: Gearbeitet wird bei Franz Walla nach alter Tradition, Fotos: Ulrike Schmidt, Berlin
  • Seit Jahrzehnten am selben Standort: Der „Herr der Ringe“ vor seinem Atelier, Fotos: Ulrike Schmidt, Berlin
  • Braucht Augenmaß: sorgsames Anreißen der winzigen Buchstaben vom Goldstab, Fotos: Ulrike Schmidt, Berlin
  • Braucht Geduld: das Aussägen der einzelnen Buchstaben für die Schriftplatte, Fotos: Ulrike Schmidt, Berlin
  • Braucht Gefühl: das passgenaue Einsetzen der Buchstaben in die Trägerplatte, Fotos: Ulrike Schmidt, Berlin
  • Schmuckkästchen mal anders: einige der Einzelteile für einen Dieselring, Fotos: Ulrike Schmidt, Berlin
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