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Béla Barényis Erben: 75 Jahre Insassenschutz bei Mercedes-Benz

Am 1. August 1939 übernahm Béla Barényi bei der Daimler-Benz AG die neu gegründete Abteilung für Sicherheitsentwicklung. Das Datum gilt bei Mercedes als die Geburtsstunde der Fahrzeugsicherheit. Zum 75-jährigen Jubiläum trafen sich Ingenieure und Entwickler, die den Insassenschutz in Mercedes-Fahrzeugen in den letzten Jahrzehnten vorangebracht hatten, mit Gästen zu einem Rückblick.

Was er denn bei den aktuellen Mercedes-Fahrzeugen verbessern würde, sei Barény beim Vorstellungsgespräch gefragt worden, berichtet die Firmen-Historie. Seine Antwort: „Eigentlich alles.“ Vielleicht wird der 32-jährige Ingenieur und Querdenker gerade deshalb eingestellt. Bis zu seiner Pensionierung 1974 arbeitete Barény bei Mercedes und legte mit über 2.500 Patenten wichtige Grundlagen für die Fahrzeugsicherheit. Vor allem die Entwicklung der „gestaltfesten Passagierzelle mit Knautschzonen“ gilt als eine der wichtigsten Entwicklungen des umtriebigen Ingenieurs. Das 1951 angemeldete Patent setzte Mercedes erstmals 1959 in der Baureihe W 111, der „Heckflosse“ um. 

In der Böblinger Legendenhalle erinnerten zum Jubiläum Ingenieure, die in den vergangenen Jahrzehnten für den Insassenschutz bei Mercedes mitverantwortlich waren und zum Teil Barényi noch persönlich kennengelernt hatten, an die wichtigsten Meilensteine der Sicherheitsentwicklung. „Barényi war seiner Zeit stets weit voraus“, sagte etwa der ehemalige Vorstandsvorsitzende Professor Werner Breitschwerdt, der 1953 als Ingenieur zur Daimler-Benz AG kam. „Ich habe Barényi als einen Menschen kennengelernt, der sich vor allem durch Beharrlichkeit auszeichnete. Er hatte viele Ideen und hat sich mit großem Engagement dafür eingesetzt, dass diese Ideen auch realisiert werden.“ Das Thema Automobilsicherheit sei zu jener Zeit noch kaum im Bewusstsein gewesen, die Motorisierung stand erst am Anfang. Kabinenroller und Kleinstwagen beherrschten das Straßenbild.

„Als Béla Barényi seine wichtigen Erfindungen zur Automobilsicherheit machte, gab es noch keine Crashtests“, berichtete Professor Guntram Huber, seit 1959 als Versuchsingenieur in Barényis Team. „Vieles basierte auf rein theoretischen Grundlagen – und auf Intuition. Er hat gesagt, wie man es machen musste, und er hatte Recht.“ Erste Aufprallversuche wurden mit einem Testschlitten durchgeführt. „Als Aufprallzone dienten uns anfangs große Konservenbüchsen aus der Kantine.“ Die ersten Crashversuche wurden dann ab Oktober 1959 in Sindelfingen durchgeführt. Eine Segelflugwinde diente als Antrieb. Später trieb eine Heißwasserrakete die Fahrzeuge an, die Professor Ernst Fiala entwickelt hatte.

Aus diesen Anfängen entwickelt sich die Sicherheitstechnik kontinuierlich weiter. Auf die Energie absorbierende Knautschzone folgt die Sicherheitslenksäule, die ab 1967 in Serie geht. Sicherheitsgurte, zunächst als Sonderausstattung, werden bald serienmäßig angeboten. Ab 1968 experimentieren Mercedes-Ingenieure auch mit Airbag-Systemen. Zuvor hatte der US-Anwalt Ralph Nader über Autos geurteilt: „Unsafe at Any Speed“ und damit erste Gesetze und Sicherheitsvorschriften in den USA für den Automobilbau ausgelöst. Das Anti-Blockier-System stellt Mercedes 1970 in der Baureihe W 116 vor. Der erste Fahrerairbag geht 1980 in der S-Klasse der Baureihe W 126 in Serie.

Inzwischen hat die rasante Entwicklung der Elektronik, von Sensoren, Radar- und Kamerasystemen die Sicherheitstechnik revolutioniert. Neben weiteren Verbesserungen der passiven Sicherheit helfen Assistenzsysteme Unfälle zu vermeiden oder ihre Auswirkungen zu vermindern. Mercedes sicht sich dabei nach wie vor als Vorreiter: „Unser erklärtes Ziel bei Mercedes-Benz ist es, unsere Trendsetter-Funktion auf dem Gebiet der Fahrzeugsicherheit zu erhalten und auszubauen und damit die Verkehrssicherheit weiterhin zu fördern“, so Prof. Rodolfo Schöneburg, Leiter Fahrzeugsicherheit bei Mercedes-Benz Cars. „Und die Ideen dafür gehen uns lange noch nicht aus. So beschäftigen wir uns beispielsweise derzeit intensiv damit, die Oberkörperbelastung der Insassen beim Seitencrash zu reduzieren.“

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  • Heißwasserrakete als Antrieb für Crashversuche, Foto: Daimler
  • Erste Crashversuche gegen eine starre Barriere, Foto: Daimler
  • Béla Barényi (Mitte) mit Mitarbeitern, Foto: Daimler
  • Gemüsekonserven als Aufpralldämpfer, Foto: Daimler
  • Seitenaufprall mit einer Heckflosse, Foto: Daimler
  • 600er Mercedes, W100, nach einem Barriereaufprall, Foto: Daimler
  • Welches Gurtsystem ist optimal? Reichte ein Beckengurt?, Foto: Daimler
  • ABS wird 1978 erstmals in der S-Klasse angeboten, 1970 war es erstmals vorgestellt worden, Foto: Daimler
  • Die Mercedes-Benz Sicherheitsexperten Prof. Rodolfo Schöneburg, Michael Fehring und Karl-Heinz Baumann (v.l.n.r.)  im Dummy-Labor, Foto: Daimler
  • Crashtest heute in Sindelfingen, Foto: Daimler
  • Klein gegen Groß, Foto: Daimler
  • Partnerschutz auch beim Lkw beim Crash mit einem Pkw, Foto: Daimler
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