Zu den Inhalten springen

Autobahnbaustellen - das unterschätzte Risiko

Sommerzeit, Baustellenzeit. Im Juli 2012, auf dem Höhepunkt der diesjährigen Ferienreisewelle, erstreckten sich die Baustellen auf bundesdeutschen Autobahnen laut ACE über eine Strecke von mehr als 2.000 Kilometern. Das bedeutet nicht nur jeden Tag über 300 Kilometer Stau, sondern auch ein stark erhöhtes Unfallrisiko. Darauf wiesen DEKRA und AXA bei Crashversuchen im schweizerischen Wildhaus hin.

Jeder Autofahrer kennt das Problem: Enge Fahrspuren, ein Durcheinander unterschiedlicher Fahrbahnmarkierungen, die Reizüberflutung durch Schilder und Kennzeichnungen, aber auch Ablenkung und Fahrfehler machen Baustellen zu extremen Gefahrenzonen. Autobahnen sind normalerweise die besten und sichersten Straßen, doch hier gilt der Ausnahmezustand: Rund um Baustellen sind die Fernstraßen sogar noch gefährlicher als die risikoreichen Landstraßen und der Stadtverkehr.

Dieses Urteil der Experten korrespondiert mit der Gemütslage vieler Autofahrer. Laut einer DEKRA Studie aus dem Jahr 2009 beschleicht an Baustellen fast jeden zweiten (46 Prozent) ein Gefühl der Unsicherheit. Jeder sechste Fahrer (17 Prozent) bekommt es sogar mit der Angst zu tun. Eine nicht unbegründete Reaktion, wie die Unfallstatistik zeigt: Rund 7 von 100 Unfällen auf Autobahnen ereignen sich an Baustellen. Laut der Schweizer Beratungsstelle für Unfallverhütung (bfu) ist die Unfallhäufigkeit in Baustellen doppelt so hoch wie auf offener Strecke.

Allerdings sind nicht alle Baustellenabschnitte gleich gefährlich. Die mit konstanter Geschwindigkeit befahrenen Innenbereiche sind laut UDV sogar sicherer als Autobahnabschnitte ohne Baustellen. Probleme gibt es an Überleitungen auf die Gegenfahrbahn, Verschwenkungen der Fahrspuren sowie an Einfahrten in der Baustelle. Hier kommt es bis zu sechsmal häufiger zu Unfällen als auf Autobahnabschnitten ohne Baustelle. Auch am Ende von Baustellen kracht es besonders oft. Der Grund: Starkes Beschleunigen und Spurwechsel in Verschwenkungen.

Welche Gefahren in diesen Bereichen drohen, demonstrierten die Unfallforscher von DEKRA und AXA bei einem Crash-Test: Am Ende einer Baustelle fährt ein Transporter auf der rechten Spur geradeaus weiter, anstatt der Spurverschwenkung zu folgen und drängt einen links neben ihm fahrenden Kleinwagen auf die Gegenfahrbahn ab, der dort bei Tempo 50 mit einem entgegenkommenden Fahrzeug kollidiert. Die Folgen für den Fahrer des Kleinwagens sind dramatisch: Die Fahrgastzelle des Fahrzeuges kollabiert, Sicherheitsgurt und Airbag können ihr Sicherheitspotenzial nicht entfalten, dem Fahrer drohen schwerste Verletzungen.
Abgelenkt, zu dicht, zu schnell

Als häufigste Ursachen von Baustellenunfällen ermittelte das Schweizer Bundesamt für Straßen (ASTRA) die Unaufmerksamkeit der Fahrer, zu geringen Sicherheitsabstand, überhöhte Geschwindigkeit, Alkoholeinfluss und fehlende Rücksicht beim Fahrstreifenwechsel. Tatsächlich krachen im Raum Zürich jedes Jahr bis zu 15 Autos in große, leuchtende Ankündigungstafeln. „Die schmalen Fahrspuren in Baustellen verzeihen dem Fahrer keine Ablenkung. Kein gedankliches Abschweifen, kein Hantieren am Radio und schon gar nicht das Schreiben von SMS“, sagt Bettina Zahnd, Leiterin Unfallforschung und Prävention bei der AXA Winterthur. „Viele vergessen, dass ein Fahrer bei 80 km/h in jeder Sekunde Unaufmerksamkeit 22 Meter im Blindflug zurücklegt.“
Autofahrer sollten daher immer konzentriert fahren, frühzeitig einfädeln und genügend Sicherheitsabstand einhalten. Auf den teils nur 2,50 Meter breiten Fahrspuren empfiehlt es sich, auf Überholmanöver und Spurwechsel zu verzichten und auf der schmalen linken Spur möglichst im gleichen Tempo versetzt zu fahren.

Pannen in Baustellen extrem gefährlich
Extrem gefährliche Situationen sind auch Pannen im Baustellenbereich, wie ein weiterer Crash-Test der Unfallexperten von AXA und DEKRA demonstrierte: Ein Fahrer erkennt das liegengebliebene Fahrzeug auf der rechten Spur zu spät und prallt mit etwa 55 km/h auf das Heck des Autos. Der vor der geöffneten Motorhaube stehende Fahrer wird durch die Wucht des Anpralls weggeschleudert und zieht sich schwere oder gar tödliche Verletzungen zu.
Nach dem Rat der Unfallforscher sollten Autofahrer im Pannenfall möglichst die nächste Nothaltebucht ansteuern, Warnblinker einschalten, auf der dem Verkehr abgewandten Seite aussteigen und die Passagiere hinter den Leitplanken in Sicherheit bringen. Wichtig ist auch, dass Fahrer zum Absichern der Pannenstelle hinter der Leitplanke dem Verkehr entgegenlaufen und es mindestens 100 Meter vor der Pannenstelle platzieren. Auf jeden Fall sollte die Polizei benachrichtigt werden.

Leben retten können auch Anpralldämpfer an mobilen Signalwänden, die eine Baustelle am Punkt der Fahrbahnverengung absichern. Wie ein Crash-Test von AXA und DEKRA zeigt, verläuft selbst der Aufprall eines Pkw auf einen solchen Dämpfer mit 75 km/h relativ glimpflich. Gut bewährt haben sich auch Tempo-Messtafeln, die auf die eventuell zu hohe Geschwindigkeit hinweisen. Ebenso kann die moderne Bordtechnik künftig helfen, den Unfallschwerpunkt Baustelle zu entschärfen. Die Hersteller arbeiten an Systemen zur Verkehrsschildererkennung mit Warnfunktion und an elektronischen Baustellenlotsen, die Lkw und Pkw mithilfe von Laserscannern und Kameras jederzeit sicher in der Spur halten.

Wolfgang Dank

  • Foto: Dekra
  • Typische Unfallsituation an Autobahnbaustellen<br />
Foto: Dekra
  • In der Schweiz verbreitet: Schilderwände mit Aufpralldämpfer<br />
Foto: Dekra
© 2012 Verband der Motorjournalisten - VdM Haftungsausschluss