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Auf den Spuren der härtesten Rallye der Welt

Für Ellen Lohr war es bereits die zehnte Dakar. Sie war als Fahrerin dabei und als Teamchefin. 2016 begleitete sie die Rallye auf einem Pressefahrzeug.

Die Rallye Dakar ist eine Legende. Seit den Siebzigern, als eine unerschrockene Truppe von Abenteurern mit Motorsport im Blut sich aufmachte, den afrikanischen Kontinent im Renntempo zu erobern, hat sich allerdings einiges verändert. Waren es in den Anfangszeiten der Rallye hauptsächlich Enthusiasten und Unerschrockene, die sich drei Wochen mit ihren Motorrädern oder Rennautos dem „Wüstenkampf“ stellten, so sind es heute auf der einen Seite die mit Millionenbudgets ausgestatteten Teams der Automobilhersteller und auf der anderen Seite zahlungskräftige  und -willige Privatiers, die sich in einer Art Luxusausführung der ursprünglichen Rallye messen. Diejenigen, die sich mit kleinerem Budget versuchen, kommen dem ursprünglichen Gedanken einer Abenteuerrallye jedoch auch heute noch, in vielen Situationen, sehr nahe.

Eine große Rolle für die Veränderung der Rallye spielt die Tatsache, dass die Veranstaltung seit 2009 von Afrika nach Südamerika weitergezogen ist – zu unsicher die Lage auf dem afrikanischen Kontinent. Das bedeutet aber auch mehr Zivilisation und viel Asphalt statt Sand und Schotter für die Servicecrews auf den Verbindungsetappen. Späteres Dunkelwerden und im Verhältnis zu den afrikanischen Ausgaben sogar ansatzweise so etwas wie funktionierende sanitäre Anlagen, machen das Leben in den Biwaks generell leichter. In diesem Jahr gab es sogar hin und wieder einmal warmes Wasser in den Duschen. (zum Vergleich Mali in Afrika: Loch in der Erde und ein Eimer Wasser gleich Dusche). Alerdings geht es je nach Etat für einige Fahrer ins Hotel statt ins Zelt. Dort wartet ja schließlich schon der Masseur....

Für die mitreisenden Journalisten und Fotografen lautet das Zauberwort für die Dakar ebenfalls Budget! Denn anders als bei anderen Motorsportereignissen, lässt sich der Veranstalter von den Journalisten dafür bezahlen, dass sie die Ehre haben, dabei sein zu dürfen. Hört sich seltsam an? Ist es auch, und sicher einer der Gründe, warum in Deutschland oftmals nur noch Pressemitteilungen übersetzt werden und die journalistische Präsenz vor Ort minimal ist.

Insgesamt kommt man für ein Presseauto mit vier Leuten Besatzung auf runde 35.000 Euro an Einschreibegebühren, Kosten für die Fähre, Telefongebühren und ähnliches. Dass das mit normaler journalistischer Arbeit nicht wieder reinkommt ist klar. Insofern sind die anfangs beschriebenen Tugenden wie Abenteuerlust und Enthusiasmus bei der Arbeit in diesem Fall auch für Redakteure von Vorteil.

Wer es trotzdem ernsthaft versuchen will, bei diesem Mega Event dabei zu sein, der hat allerdings auch noch andere Möglichkeiten; denn die Automobilhersteller setzen eigene Fahrzeuge für Presseleute ein, die zum Event eingeladen werden. Nicht Jedermanns Sache, also warum nicht gleich Pressedelegierter eines der großen Teams werden? Bei diesen Presseverantwortlichen liegen die Prioritäten natürlich anders. Sie benutzen das Material, das die Fotografen auf den Presseauto liefern. Die Ansprechpartner der Werksteams fahren auch gar nicht, sie fliegen. Das hat den Vorteil, dass sie immer als erste in den Biwaks sind und direkt bei Eintreffen der Fahrer die entsprechenden Quotes einholen können, um sie anschließend in die Welt hinauszuschicken.

Allerdings ist das Dakar-Leben dafür auch sehr eingeschränkt, denn die „Flieger" sehen meist nichts, außer den Biwaks. Dort sind sie nicht mobil, um auch einmal was von der Umgebung zu erfahren. Auch die Abflüge finden meist im Dunklen statt. Damit ist das hautnahe Erleben der Rallye doch sehr eingeschränkt. Das Gleiche gilt für diejenigen, die sich für den Transport auf der Serviceroute per Bus entschieden haben. Viele, viele, viele Stunden in zugegebenermaßen bequemen Liegesitzen, aber dafür lässt sich die Landschaft hinter dunklen Scheiben nur erahnen.Wer sich aber für das Presseauto entschieden hat und entweder einen Platz zum Mitreisen gefunden oder gar das Budget für ein eigenes Fahrzeug hat, der wird mit bleibenden Eindrücken belohnt.

Das Mitreisen in einem bereits eingeschriebenen Presseauto will tatsächlich gut überlegt sein, denn die drei teilnehmenden Kategorien auf der Dakar, Motorräder, Autos und Lkw starten meist zu sehr unterschiedlichen Zeiten. Hat man also einen Journalisten für den Motorrad-Bereich und einen für die Lkw an Bord, heißt das enorm viel Zeit einplanen, um an der Strecke wirklich alle zu sehen. Da wartet man dann teilweise viele Stunden, bis alle ihr Bildmaterial zusammen haben. Insofern empfiehlt sich eine homogene Truppe mit gleichgelagerten Interessen/Aufträgen, sonst wird so ein Dakar-Tag leicht  auch mal zum 24-Stunden-Job.

Wir waren in diesem Jahr mit einem GLE von Mercedes unterwegs und hatten damit eine optimale Wahl getroffen, denn der Nachfolger der M-Klasse ist nicht nur angenehm, wenn es mit vom Veranstalter vorgegebenen Tempolimit über knallheiße Asphaltstraßen geht, sondern auch im Gelände zu Hause. Und genau darum geht es ja. Man fährt auf einem Presseauto zwar im gesicherten Umfeld der organisierten Rallye mit, ist aber auch mal ganze Tage auf eigene Faust unterwegs. Navigationskenntnisse sind dafür Voraussetzung. Aber es gibt heutzutage sehr gutes Kartenmaterial, das sich auch für Offroadnavigation eignet. Diese Anschaffung ist mehr als empfehlenswert, denn sonst kann es schon mal passieren, dass man sich sprichwörtlich im Nirgendwo verliert.

Für uns war es in diesem Jahr besonders in Bolivien spannend. Da man von der Organisation nur sehr eingeschränkte Informationen zum Rennstreckenverlauf bekommt, ist die beschriebene Abenteuerlust unabdingbar, um der Rallye auf den Offroad-Pfaden zu folgen. So hatten wir beispielsweise an einem Tag eine Strecke gewählt, die uns auf touristisch völlig unentdeckten Wegen in ein Dorf mit geschätzt sechs Einwohnern führte: Ein Hund und acht Schafe, das war`s. Leider war die Strecke ab dort unbefahrbar, also benötigten wir weitere 160 Kilometer Offroad, um wieder auf einer richtigen Piste zu landen. Dazwischen konnten wir aber die Rallyestrecke entdecken und Bilder machen, die uns noch lange in den Köpfen bleiben werden. 

Ich denke, das ist der entscheidende Punkt bei einer solchen Rallye: Zunächst müssen natürlich die journalistischen Aufträge zur Zufriedenheit der Kunden erledigt werden. Daneben aber sind die Bilder und Eindrücke so intensiv, die man während der drei Wochen sammeln kann, dass es wert ist, das Budget für einen solchen Presseinsatz zu suchen. Die Welt geht unter? Kein Problem, bekommt man nicht mit! Zu Hause gibt es Probleme? Fein, müssen die wohl alleine lösen! Es entsteht eine gewisse Leichtigkeit, die einem den Kopf auf eine Art und Weise freimacht, die nur entstehen kann, wenn man sich zu 100 Prozent in einer Sache verloren hat. Und das passiert auf der freigewählten Serviceroute. Und genau deshalb sind die drei Wochen bei der Dakar auch eine gewisse Art von "Campingurlaub", nach dem man süchtig werden kann.

Ellen Lohr

  • Team Dakar: zwei Journalistinnen, ein Fotograf, ein Filmemacher mit allem Gepäck, Ausrüstung und Zelten in einem GLE unterwegs (Birgitt Dietel, Ellen Lohr, Jörg Sand, Volkmar Kreiss), Foto: Birgitt Dietel
  • Immer auf der schnellsten Verbindung unterwegs. Hardcore Offroad in Bolivien, Foto: Birgitt Dietel
  • Foto: Birgitt Dietel
  • An einem Friedhof in Argentinien, Foto: Birgitt Dietel
  • Foto: Birgitt Dietel
  • Auf Schotterpisten in abgelegene Bergdörfer, Asphalt ist ja langweilig, Foto: Birgitt Dietel
  • Touristische Ausflüge neben der Arbeit. Cruisen auf einem Salzsee in Bolivien, Foto: Birgitt Dietel
  • Foto: Birgitt Dietel
  • Auf Schotterpisten in abgelegene Bergdörfer, Asphalt ist ja langweilig, Foto: Birgitt Dietel
  • Ganz nah dran am Geschehen. Mit dem Presseauto direkt an der Rennstrecke, Foto: Birgitt Dietel
  • Foto: Birgitt Dietel
  • Auf der Suche nach funktionierendem W-Lan. Treffen mit Pressekollegen an den Tankstellen der Umgebung, Foto: Birgitt Dietel
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