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Ärzte und Ingenieure gemeinsam für mehr Sicherheit im Straßenverkehr

Ärzte und Ingenieure gemeinsam für mehr Sicherheit im Straßenverkehr
Zahl und Schwere der Verletzungen bei Verkehrsunfällen zu vermindern, ist das Ziel einer Kooperation zwischen Unfallchirurgen des Stuttgarter Katharinenhospitals und Experten für Fahrzeugsicherheit der Daimler AG. 

Etwa 70 Prozent der Schwerstverletzten, die mit dem Notarztwagen oder dem Rettungshubschrauber ins Stuttgarter Katharinenhospital kommen, sind Opfer von Verkehrsunfällen. „Es zählt daher zum Selbstverständnis der Unfallchirurgen sich auch mit Unfallprävention zu beschäftigen“, sagt Professor Dr. Christian Knop. Der Ärztliche Direktor der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie am Katharinenhospital hat diesen Anspruch auch ganz praktisch in die Tat umgesetzt. Ein Besuch im Stuttgarter Mercedes-Benz-Museum habe ihn sehr beeindruckt, erzählt er. In einem Brief wandte er sich anschließend direkt an den Vorstandsvorsitzenden der Daimler AG, Dieter Zetsche, und regte die Kooperation zwischen dem Autohersteller und der Klinik im Bereich der Unfallforschung und Unfallprävention an. Die Reaktion der Daimler AG kam prompt. Der Leiter Fahrzeugsicherheit bei Mercedes-Benz Cars, Prof. Dr.-Ing. Rodolfo Schöneburg, und sein Team luden Professor Knop zu einem Gespräch ein, bei dem rasch klar wurde, dass die Autoingenieure von der medizinischen Expertise der Unfallchirurgen profitieren können.

Wie und warum hat sich ein Unfallopfer seine schweren Verletzungen zugezogen? Wie haben moderne Sicherheitssysteme im Fahrzeug beigetragen, die Unfallfolgen zu vermindern? Und wie schätzen Mediziner den Nutzen neuer Sicherheitssysteme ein? Auf diese Fragen wollen Unfallforscher und Ingenieure der Daimler AG und Unfallchirurgen aus dem Katharinenhospital künftig gemeinsam Antworten finden. Seit 45 Jahren betreibt die Daimler AG Unfallforschung. Über 4.200 Unfälle mit Mercedes-Fahrzeugen wurden inzwischen im Detail analysiert. „Die medizinische Expertise hat uns bei unseren Analysen bislang gefehlt“, berichtet Professor Schöneburg. Werden die Unfallopfer bei einem Unfall mit Mercedes-Fahrzeugen in der Unfallchirurgie des Katharinenhospitals versorgt, dann werden künftig die Unfalldaten der Daimler-Forschung und die anonymisierten Verletzungsdaten der Unfallopfer zusammengeführt. „Zusätzlich befragt eine Study Nurse im Katharinenhospital die Patienten zum Unfallhergang“, erläutert Professor Knop. „All das geschieht selbstverständlich nur, wenn die Patienten sich bereit erklären, an unserer Traumastudie mitzuwirken.“ Aus der Zusammenführung der Daten aus Unfallforschung und Klinik sollen schließlich Fahrzeugverbesserungen abgeleitet werden. Die Zahl der so akribisch im Detail ausgewerteten Fälle ist derzeit noch recht klein. Professor Knop, der auch Sprecher des zertifizierten Traumanetzwerkes der unfallchirurgischen Kliniken in der Stadt ist, hat das Projekt im Kreise der zehn Chefärzte vorgestellt und spontane Zustimmung erfahren: Noch in diesem Jahr wird die Studie auf das gesamte Traumanetzwerk „Region Stuttgart“ ausgedehnt.

Zweites Projekt der Kooperation ist die Entwicklung sogenannter Menschmodelle für die Unfallsimulation im Computer. Schon länger ergänzen Automobilhersteller wie Daimler ihre realen Crash-Tests mit Dummies durch Simulationen. Viele Unfallverletzungen lassen sich damit inzwischen sogar besser darstellen als mit den leblosen Dummies. Allerdings fehlen derzeit noch detaillierte Menschmodell für kleine Kinder. Hier unterstützt die Kinderradiologie des Klinikums Stuttgart die Daimler-Unfallforscher künftig unter anderem mit Schnittbildern aus Computertomograf oder MRT.

Schließlich ist das unfallchirurgische Expertenwissen auch bei neuen technischen Entwicklungen gefragt. Den sogenannten Beltbag nennt Professor Schöneburg als Beispiel. Zunächst eingesetzt in der S-Klasse bläst sich dieser spezielle Sicherheitsgurt für die Rücksitzbank bei einem Unfall auf und federt die Fondspassagiere schonender ab als ein herkömmlicher Gurt. „Hier können uns die Mediziner mit ihrer anderen Sichtweise auf technische Entwicklungen wichtige Informationen zu den Wirkungen der neuen Sicherheitstechnik geben“, erläutert der Mercedes-Sicherheitscenterleiter.

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  • Unfallaufnahme durch die Mercedes-Unfallforschung, Foto: Daimler
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