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Form follows function: Peugeot 308 SW

Designsieger, Car of the Year 2014 – und dennoch ein auffallend unauffälliger Zeitgenosse

Die Ur-Drei-Null-Baureihe von Peugeot - ich glaube, sie fing mit dem 304 an - entstand eigentlich, als PSA aus der Not eine Tugend machen mußte. Anfang der 80er des letzten Jahrhunderts begrub die Konzernmutter die Hoffnung auf die Wiederbelebung der sportlich geprägten, aber in die Versenkung geratenen französisch-englischen Traditionsmarke Talbot mitsamt ihren bemerkenswerten Versuchen, sie mit attraktiven Marketingmethoden wie innovativen  Fahrzeugkonzepten, Motorsport-Aktivitäten bis in die Formel 1 oder einem damals "Feuerwerk der neuen Modelle" genannten Programm von Fahrzeugpräsentationen. Die Formel 1 sollte Jochen Neerpasch zusammen mit Alain Prost aufmischen, den Markt neue Modelle wie der Solara, der Murena oder der Tagora. 

Die Talbot-Story scheiterte vor allem daran, dass die Übernahme von Chrysler Europe durch Peugeot von den Franzosen nicht zu schaffen war, nachdem diese ihre zweite Managementriege für Entwicklung, Marketing und Finanzen gerade eben erst in die Aufpäppelung der ebenfalls im PSA-Konzern noch nicht so alten Tochter Citroen investiert hatten und somit für Talbot wenig peugeot-geprägtes Spitzenmanagement übrig war. Außerdem konnte man große Teile der französischen Fertigungskapazitäten von Chrysler Europe damals sehr wohl mit den existierenden Marken auslasten. (Ganz nebenbei sei noch erwähnt, daß der Horizon in seiner Simca-Ursprungsform kurz nach seinem Erscheinen den Kollegen bei VW von der Simca-Presseabteilung im Rahmen des üblichen Erfahrungsaustausches angefordert wurde. Er kam zurück mit Spuren der totalen Zerlegung bis hin in die Karosserieflächen. Volkswagen brachte rund zwei Jahre später dann den Golf auf den Markt. (So die Saga, die alte Simca-Mannen heute gerne noch erzählen.)

Zurück zum aktuellen Peugeot Dreier, der ursprünglich als Nachfolger des pfiffigen Simca/Chrysler/Talbot Horizon geplant und mangels "brain" eher zu einem damals schon etwas altmodischen Möchtegern-Golf-Konkurrenten wurde. Das änderte sich jedoch schlagartig schon mit dem Nachfolgemodell und heute ist die aktuelle Generation 308 ein ausgesprochen modernes und sehr angenehm zu fahrendes Peugeot-Modell des Golf-Segments. Und damit ein ernst zu nehmender Konkurrent dieses Stückzahl-Champions aus Wolfsburg. Immerhin verbrauchte der aktuelle 2,0 Blue HDI-Diesel trotz meiner manchmal sehr anspruchsvollen (sprich zügigen) Fahrweise im Schnitt doch nur 5,2 Liter, was mir bei einem VW-Konzerndiesel (egal, in welcher Karosse oder Marke) noch nicht gelungen ist.

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Foto: Peugeot

Der Verbrauch an Diesel ist jedoch eines der wenigen herausragenden Auffälligkeiten des 308SW, der ansonsten schlicht, ja beinahe in Bauhaus-Manier, des Weges kommt. Selten begegnet man einem solchen dezent gezeichneten Fahrzeug, das einen trotz allem ausgesprochen elegant und anmutig anspricht. Dabei sind alle wichtigen Funktionen eines modernen Autos erfüllt: gute Sicht und gute Sichtbarkeit, funktionelle Anordnung von Licht und Blinker, wieder „form follows function“. Leicht abfallende Seitenlinie über einen großen Kombi-Gepäckraum hinweg, ergonomisch und leicht zu öffnende Hecktür, die es bestimmt auch bald mit motorischem Antrieb oder Gestensteuerung gibt.  Innen haptisch und ergonomisch genauso schlicht schön, aber zweckmäßig. Man steigt ein, fühlt sich wohl und glaubt, schon oft in diesem Auto gesessen zu haben. Alles ist da, wo man es vermutet oder erwartet, alles fühlt sich vertraut an und sitzen tut man auch noch gut. Auch bei topspeed.

Und dann der Blick aus dem Fenster! Nicht zur Seite, nicht nach vorn, sondern auf dem Parkplatz gen Himmel. Ein riesiges Glasdach tut sich auf, ideal für Sternengucker oder Sonnenfinsternis-Beobachter. Das reicht vom A-Holm bis hinter in den Kombiraum, wenn man alle Sitze flach legte, könnte man sich wie in einem Bett in der Sternwarte fühlen. Und hat man genug Sterne geguckt, einfach auf die Taste neben dem Innenlicht drücken und den Vorhang blickdicht und sonnenschützend zuziehen.

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Foto: Peugeot

Aber jetzt: los geht’s! Der Dieselmotor tritt munter an, das Drehmoment ist ja auch entsprechend. Auch die Elastizität des Motors entspricht dem eines Diesels; er fährt sich in Lkw-Drehzahlen ruckelfrei und beschleunigt dennoch locker trotz Schaltfaulheit. Das sind eben die Diesel-Vorteile. Kurven sind kein Problem, der 308 ist spurtreu und dennoch sportlich zu fahren – ganz im Gegensatz zu seinen früheren Modellvarianten, mit denen man wie in Fauteuils gepackt eher schwankend durch die Kurven radelte. Wobei tatsächlich auffallend ist, dass der Löwe zackiger geworden ist und nicht mehr wie der schielende Clarence daherschlappt.

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Foto: Peugeot

So wurde aus dem 308 ein wahrlich ernsthafter Golf-Konkurrent, auch wenn dieser nach Aussagen der Simca-Senioren ja 304-Vorgänger-Gene in sich hat. Rundherum stellt der 308 als ernst zu nehmender Vertreter des C-Segments eine Alternative für jeden Käufer dar, der nicht nur frankophil über die Vogesen guckt, sondern eher sachlich, technisch nüchtern Entscheidungen über den Preis fällt. Denn der ist wirklich attraktiv.

mpp

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Foto: Peugeot

Die wichtigsten Daten des Peugeot 308 SW Allure Blue HDI 150:

  • Länge/Breite/Höhe in mm 4.585/ 2.043 (mit Spiegeln)/ 1.472 (mit Dachreling) Radstand 2.730 mm
  • Leergewicht 1.550 kg
  • Zuladung 420 kg
  • Kofferraum 610 - 1660 l
  • Reihen-Dieselmotor mit vier Zylindern
  • Sechsganggetriebe
  • Hubraum 1.997 Kubikzentimeter
  • Leistung kW/PS 110/150 bei 4.000 U/min,
  • maximales Drehmoment 370 Nm bei 2.000 U/min
  • Beschleunigung 0 – 100 km/h in 9,8 sec
  • Vmax 215 km/h
  • EU-Normverbrauch im Mittel 4,0, Testverbrauch 5,2 l
  • Tankinhalt 52,5 l
  • Abgasnorm Euro 6
  • CO2 Ausstoß: 97 g/km, Energieeffizienzklasse A+

Grundpreis 28250 Euro; Testwagen mit Mehrausstattung: 32.790 Euro

Stand 4/2015

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