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Rucksackwohnung: Seealpen-Rundreise im Bürstner Traveller 650

Gerne habe ich die Garage des Bürstner-Wohnmobiles vollgepackt. Nicht mit Fahrrädern und Vorzelten oder so, sondern profan mit Klamotten, Klapptisch, Stühlen und anderen Kommoditäten wie ein, zwei Flaschen guten Weines, die bis zur Grenze nach Frankreich reichen sollten. In den Kühlschrank kamen ein paar Happen hessischer Wurst, Brot und Butter, die Kaffeemaschine musste auch mit. Das ist der Vorteil an so einem Reiserucksack mit vier Rädern und Motor. Überall, wo’s schön ist, kann man die Handbremse des Motorhomes anziehen, den Motor aus und die Kaffeemaschine anschalten und die Aussicht genießen. So fängt Urlaub schon auf den ersten Kilometern an. Wenn man sich daran gewöhnt hat, im Verkehr mit zu schwimmen, in Baustellen auf der Autobahn brav eingereiht zwischen Lkws zu cruisen und den Pkw-lern alle anderen Spuren zu überlassen.

Newcomern unter den Wohnmobilisten sei aber angeraten, die Packlisten sehr genau zu kontrollieren wegen etwaigem Übergewicht. Nicht so sehr wegen der Überladung des Fahrzeuges, auf die man allerdings auch aufpassen muss. Schleppt man doch auch noch etliche Liter Wasser zum Duschen, Zähneputzen, Kaffeekochen und Spülen mit sich rum. Vor allem muss das Gepäck aber  wegen der Gefahr kontrolliert werden, aufgrund des riesigen Platzangebotes viel zu viel Klamotten und Hausstand in das Motorhome überzusiedeln. Die Camping- und Wohnmobilplätze Europas sind alle so gut ausgestattet, dass man seine paar Siebensachen immer waschen und in den Trockner werfen kann. 

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Der Bürstner Traveller ist dazu noch so komplett ausgestattet, dass die Benutzung  sanitärer Anlagen auf Campingplätzen bei Nichtgefallen auch ein paar Tage ausgesetzt werden kann. Hauptsache, ein Stromanschluss ist da, ein Wasserhahn und ein Abwasser-Entsorgungs¬platz. Dann ist man vollkommen autark und kann seine Rucksackwohnung nutzen wie sein Ferienhaus. Mit einem Nachteil: Zum Brötchen holen im nächsten Dorf oder zum Restaurantbesuch muss man stets das Drumherum abschlagen, verstauen und mitsamt der Rucksackwohnung mitnehmen. Oder man hat seinen Scooter dabei, was jedoch die Ladekapazität des Bürstner Travellers dramatisch schmälert und den Komfort bei shuttle-Fahrten nicht gerade erhöht. Auf dem Moped oder dem Motorrollerchen läßt sich genauso schlecht zum Gourmet-Restaurant fahren wie auf dem Fahrrad. Und wenn ich schon bei den negativen Seiten des Motorcampings bin: Ich habe die Mittelmeerküste von Frejus in Frankreich bis nach San Remo in Italien nach einem Parkplatz für den Camper abgesucht, nur um mal die Aussicht zu genießen. Nichts. Überall waren Wohnmobile nicht gern gesehen, Parken war unter Strafe untersagt (nicht einfach verboten!) und wenn’s höflicher sein sollte, waren die Parkplätze mit einem Tor versperrt, unter dem nur Großraum- Limousinen wie Tourans und flachere Normal-Pkw durchkommen. Das hätte nicht mal für einen stinknormalen VW-Bus ausgereicht. Ob die französischen und italienischen Kommunen nicht realisieren, dass gerade in Wohnmobilen eher die betuchteren Zeitgenossen Urlaub machen und gerne mal lecker essen oder shoppen gehen wollen? So schön die Reise mit dem Bürstner Traveller war, so viel wir gesehen haben entlang der See-Alpen-Seen, durch die gigantischen Schluchten der französischen Alpes maritimes, entlang der Blumenküste – dieses Manko der Unliebsamkeit in den Edelkommunen entlang der Mittelmeerküste schwächt die Eindrücke einer begeisternden Reise durch bezaubernde und imposante Landschaften erheblich.

Immerhin hatte ich einen hervorragenden Helfer an Bord, das für Camper schier unersetzliche Navisystem Navgear StreetMate RS-50-3D. Das konnte man genau einstellen auf die Außenmaße des Bürstner Traveller und sein Gesamtgewicht. Ich denke immer noch mit Schrecken an meine erste Wohnmobil-Ausfahrt im Outback der Pyrenäen zwischen Bergen und Küste, die mit einer Rückwärtsfahrt über rund fünf Kilometer Nebensträßchen zwischen Felsen und Abhängen – und einem tagelang steifen Nacken – endeten. Also  gerüstet mit diesem Wunderding, fanden wir nur Straßen (und Wege!), die mit dem Wohnmobil befahrbar waren. Unendlich hilfreich, besonders bei der Suche nach einem der vielzähligen Camper-Plätzen, die ebenfalls über einen POI-Service auf dem Navi abspeicherbar waren. Besonders hilfreich war dabei, dass selbst diese Camper-Plätze selektiert werden konnten nach eigenem Gusto. Das reduzierte erst einmal das Angebot an guten Plätzen, was der Auswahl dienlich war, und erleichterte dann auch noch die Entscheidung durch Angabe der Entfernungen zu den besten Plätzen. – Allerdings muss gesagt sein, dass die Einschränkungen der Befahrbarkeit mit Wohnmobilen zwar penibel eingehalten wurden, das Navi aber gleichzeitig alle Wege ausnutzte, die den Maßen und Gewichten entsprachen, die ich zuvor gespeichert hatte. Es kam also vor, dass wir in engen Schluchten landeten und mit dem Camper auch schon mal auf die falsche Straßenseite wechseln mussten, um Felsüberhänge zu umfahren. Ebenso fürchtete sich der digitale Reiseführer natürlich vor nichts. Auf den Passstrecken der Verdon-Schluchten zum Beispiel hatte ich bergseitig fahrend keine Probleme, talseitig sitzend machte die unendliche Tiefe der Schlucht schon ein wenig Sorge beim Gedanken daran, dass gleich ein Bus entgegenkommen könnte. Und er kam auch noch! Dennoch hat dieses ausgesprochen camperfreundliche Navi beste Dienste geleistet und sollte eigentlich bei keinem Urlaub mit einem Wohnmobil fehlen. Zumal es auch noch ein supergroßes Display hatte, das selbst bei großem Abstand vom besten Anbringungsort unter der Windschutzscheibe bis zur Fahrerposition gut ablesbar war. Wobei eine kleine Erfahrung aus meiner eigenen Navi-Systemzeit half: Navi links vor der Fahrertür neben dem A-Holm angebracht, gibt die wenigsten digitalen Ablenkungen und Empfangswiderstände durch Blechaufbauten. So ausgestattet, ließen sich auch die schönsten Regionen der Seealpen durchqueren und erkunden. Und das Angenehme daran war, dass dieses Wunderding gerade mal mit um die 170 Euro (einschl. Europakarten-Material) zu Buche schlug.

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Doch zurück zum Wohnmobil. Nach anfänglichen Schwierigkeiten mit der Wasserversorgung war der Fehler bald gefunden und die Pumpe für Frisch-, Dusch- und Spülwasser so im Wassertank fixiert, dass sie – bei Bedarf – mit wenigen Handgriffen an die recht oft vom Stutzen fallende Leitung angeschlossen und für ein paar Tage befestigt war – bis Kurven und Bremsvorgänge sie wieder losgerappelt hatten. Ebenso hatte ich mich gleich nach der ersten Bergab-Fahrt vom Pass in Richtung Chamonix dran gewöhnt, die Bremse möglichst oft mit durch den kleineren Gang zu ersetzen und eben nicht mal zwischendurch Gas zu geben. Das reduzierte das doch heftige Fading der Bremsscheiben im Fiat-Chassis und machte sich zudem beim Spritverbrauch bemerkbar. Mit Bedacht gefahrene Pass-Bergab-Fahrten spulten die Tank-Reichweite immer wieder beinahe so hoch, wie sie vor der Bergauf-Fahrt war. Ebenfalls schnell mit dem unersetzlichen, roten Schweizer Vielzweck-Messer repariert waren klappernde Türen, plötzlich sich öffnende Hängeschränckchen, die das Frühstück im Wohnmobil ausbreiteten, oder andere kleine Malheurs. Unkommod allerdings war der Ausfall der Zentralverriegelung gleich am Abholtag des Wohnmobils; das war mit dem Schweizermesser nicht zu reparieren und sorgte eben für tagtägliche Gymnastik rund ums Motorhome.

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Die wichtigsten Daten

Auf technische Daten, Maße, Gewichte und Fahrwerte verzichte ich bei der Beschreibung der Impressionen aus und in einem Wohnmobil; sie sind zu unterschiedlich von Motorhome zu Motorhome und soooo nebensächlich bei den überwältigenden Eindrücke von Landschaften und regionalen Eigenarten auf Land-Kreuzfahrten mit dem Eigenheim auf dem Rücken.

Nur eines sei erwähnt: Bequeme Wohnmobile kosten schon ab ca. 40.000 Euro, luxuriöse sind von fast so teuer wie viel teurer als eine Zweitwohnung irgendwo in einer Urlaubsregion. Dafür bieten sie den Vorteil, nicht immer nur an einem Platz dieser wunderschönen Mutter Erde Urlaub machen zu müssen.

Stand: 5/2011

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