Zu den Inhalten springen

Carrera 4S – Quantenspringer

Als ich damals den ersten Carrera über die sieben Berge zwischen Hildesheim und Höxter knüppelte, hüpfte der noch von der einen Seite der Straße zur anderen. Ja, die Straßen waren zu den Carrera-Jugendzeiten hierzulande nicht die besten. Er ist aber – wie sein Name sagt – ja auch nicht nur für Autobahnen oder amerikanische Highways entworfen worden, sondern eben auch für  die „Caramba. Caracho, Carrera“-Strecken durch Kaliforniens Wüsten oder die Targa Florio rauf und runter.
Heute fährt sich die wievielte Generation des Carrera überhaupt?  wie Butter, aber auch wie whipped cream. Das liegt an jenen Tasten vor dem Schaltknauf, mit denen man die Motor- und Fahrwerksabstimmung von „normal“ auf „sport“ und sogar auf „sport plus“ schalten kann und dazu noch die Stoßdämpfer-Kennung mit einer Extrataste härter oder weicher. Und gleich daneben liegt der Schalter für den ausfahrbaren Spoiler, der inzwischen dezent eingefahren unsichtbar ist und nicht so ein Bürzelwie beim Ur-Carrera. Aber immerhin: Die modischen Zwischenlösungen mit den Großflügeln und später dem Tablett sind vorbei, Carreras der heutigen Zeit lassen sich schlicht bewegen – egal, ob Coupé oder Cabrio.

field_image_alt

Foto: Porsche

Dafür bewegte mich immerhin heftig, dass der Sound des luftgekühlten Porsche-Boxers verloren ging mit der Umstellung von der Luftkühlung (die  ja schon zu Ur-Carreras Zeiten lange keine richtige, sondern eher eine Ölkühlung war) auf die Wasserkühlung und die Aufbohrerei und Neukonstruiererei des legendären Porsche-Motors zunächst an die Dreiliter-Grenze und heute schon bald an die Vierliter-Marke. Hat doch der aktuelle Carrera 4S stramme 283 kw zu bieten mit einem Wahnsinnsdrehmoment. Und 283 kw sind schließlich knapp 400 PS. Das verführt  schon mal dazu, die Topspeed hochzutreiben über die 250 km/h-Marke, kann der Bursche doch immerhin auf dem Tacho knapp 300 und in den Papieren echte 293 km/h. Das hätten die Ostereier mal können müssen, die zum ersten “Race oft he Champions“ im Wilden Westen der USA von Porsche als Carrera-Auftakt in um die zwanzig verschiedenen Farben an den Start geschickt wurden und von solchen Legenden wie Emerson Fittipaldi, Jackie Stewart, Mark  Donohue, Clay Regazzoni (jawohl, er selbst, nicht sein NASCAR-fahrender Bruder) und sogar Jack Brabham gefetzt wurden.

Heute fetze ich mit dem Carrera-Cabrio um die Ecken und es macht riesig Spaß. Gut, dass Porsche auch dem aktuellen Carrera noch einen ordentlichen Klang mitgegeben hat, der schon noch ein wenig an das helle Kläffen der mit dem Urporsche-Boxer ausgestatteten 911 und seinen Derivaten erinnert. Allerdings kläfft der Carrera nicht mehr so giftig grell im Sopran, sondern eher im Bariton. Dafür entschädigen die Sport- und Supersport-Taste. Die beschleunigen die Beschleunigung nämlich in ihren zwei Stufen nochmal so, dass der für entstehenden Beschleunigungskräfte die Rückenlehne des Sitzes fast nicht mehr ausreicht. Von 0 auf 100 im 4S-Standard in weniger als 5 sec, in der Sporttaste vierkommasieben und im Supersport-Mode viereinhalb Sekunden. Da bleibt nicht mal Zeit zum Schlucken.

field_image_alt

Foto: Porsche

Über Federung, Straßenlage, Schnell- und Normal¬start-vermögen muss man bei einem Porsche daher nicht reden. Nie. Es gibt die wichtigen Faktoren für die Rennstrecke einfach. Selbst mit der ganz hervorragend abgestuften Automatik des Doppelkupplungsgetriebes, das sich supersportlich und klanguntermalt ja auch von Hand schalten lässt. Oder von Zeigefingern mit der Wippe am Lenkrad. Links runter-, rechts raufgeschaltet.  Abwärts in die kleinen Gänge gibt der Carrera als Belohnung dann sogar noch einen Schucker  Zwischengas dazu. Wenigstens vom Klang her. Schön.

Ebenso schön wie Cabrio fahren. Stimmt doch, was die Mama derzeit über den jüngsten offenen Spross der VW-Familie sagt:  Die schönsten Momente, egal in welchen Fahrzeugen, erlebt man beim Fahren ohne Dach überm Kopf. Und den hält beim Carrera das zweifach zu nutzende Windschott (mit wenigen Handgriffen hinter den Sitzen montiert) auf Wunsch ideal in Form. Dabei ist die hochgeklappte Variante für die Frisur mit Dreiwettertaft vorgesehen, die dann auch hält, bei  der runtergeklappten zaust der Wind schon mal am Hinterkopf. Geschützt vor Wind und Blicken bleibt allemal das, was unterm Schott deponiert wird für den Fall, dass man sich mit dem Cabrio auf den Weg macht zu einer längeren als nur der Zahnbürstentour. An Stauraum mangelt‘s selbstredend und erwartungsgemäß; ebenso wären  die vorhandenen angedeuteten Rücksitze halt  nur für wirklich kleine Kinder oder Haustiere geeignet, wenn Verzurrmöglichkeiten dazugekauft werden. Oder bei runtergeklappter Rücklehne für zweischichtig über und unter den Lehnen zu verstauendes Gepäck.

Gerne würde ich doch dieses schicke und schnelle Cabrio zu meinem Dienstwagen erklären.
mpp

Die wichtigsten Daten

Porsche Carrera 4S

  • Länge/Breite/Höhe 4.435 / 1.852 / 1.300  mm
  • Radstand 2.350 mm
  • Leergewicht 1.565 kg
  • Zuladung 375 kg
  • Kofferraum 105 l
  • Viertakt-Alu-Boxermotor mit sechs Zylindern
  • Hubraum 3.800 ccm
  • Leistung kW/PS 283 / 385 bei 6.500 U/min,
  • maximales Drehmoment 420 Nm bei 4.400 U/min
  • Beschleunigung auf 100 km/h 4,9 Sekunden
  • Vmax 295 km/h
  • EU-Normverbrauch im Mittel 10,7 l , Testverbrauch 13,3 l
  • Tankinhalt 67 l,
  • Abgasnorm Euro 5,
  • CO2 Ausstoß: 251 g/km

 
Preis der Basis-Ausführung des Testwagens:  108.855 Euro

Stand: 7/2011

© 2012 Verband der Motorjournalisten - VdM Haftungsausschluss