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Das quietschgelbe Spielmobil: Erlebnisse mit dem Audi TT Cabrio

Ob das das neue Postauto ist, wollte mein Getränkehändler von mir wissen, als ich mit dem postgelben Audi TT Cabrio bei ihm vorfuhr, um den heimischen Wasservorrat aufzufüllen. „Nein“, antwortete ich ihm, „das ist der Prototyp der neuen Telegrammboten-Fahrzeuge“. Versteht ja in der heutigen E-Mail-Zeit sowieso kaum einer noch: Telegramme waren Schnellst-Briefe der Post, nach Worten bezahlt und über Fernschreiber sowie die erwähnten Telegramm-Boten versandt und zugestellt.

Also, das gelb lackierte offene Freizeitmobil, das mir Audi vor die Garage stellte, ist eindeutig ein Sommerauto, obwohl Heizung und Klimaanlage bei geschlossenem Verdeck so perfekt sind, dass man zur antipoden Jahreszeit glatt vergessen könnte, wie kalt es draußen ist. Und wenn man die Kopfraumheizung dazu schaltet, wird einem ganz schön warm um den Schopf. Aber jetzt ist ja endlich Sommer, da kommt so ein Cabriolet gerade recht. Wo doch fast ein halbes Jahr nur schlechtes Wetter war.

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Foto: Audi

Drum raus ans Auto, das Verdeck geöffnet – geht blitzschnell und automatisch auf Knopfdruck – Cabriokappe auf und losgefahren. Herrlich, wie der Fahrtwind die Haare zaust und um die Ohren pfeift. Wem das unangenehm wird, der fährt das Windschott hoch und hat deutlich mehr Ruhe um die Ohren. Hört dann aber den Sound des Sportauspuffs nicht mehr. Und der ist besonders beim Schalten des automatischen Getriebes hörenswert. Wenn man mit den Paddles am Lenkrad herunter schaltet, gibt der Audi TT in den kleinen Gängen automatisch Zwischengas, beim herauf Schalten kommt im zweiten bis vierten Gang ein Nachschall wie weiland beim Käfer, wenn man den vom vierten in den dritten Gang schaltete. Nur bei dem waren es Fehlzündungen, beim Audi TT wahrscheinlich ein Druckausgleich, den der Turbolader bei bestimmten Drehzahlen auslöst. Trotzdem erste Klasse, zumal Erinnerungen an den Ur-TT oder –TTS wach werden, den NSU, der zwar als Viersitzer gebaut, fast immer aber nur als Zweisitzer gefahren wurde. Die Insassen auf der Rückbank nämlich wären den vorne Fahrenden fast im Nacken gesessen. Dafür fuhr der kleine Neckarsulmer TTS aber furios bei Bergrennen und auf der Rundstrecke mit, ab den mittleren 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts sogar erstmals in seiner Klasse mit Turboladern bestückt. Die waren damals an Vergaser-Motoren angebaut und Michel May, der deutsche Urheber der Turbotechnik, der an der schwäbischen Achalm wohnte, verschweißte seine Luftfilter sogar, daß sie den Drücken standhielten, die die Turbos produzierten.

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Foto: Audi

Das ist bei der heutigen Turboladertechnik nicht mehr nötig; Audi verwendet auch für die kleinen Motoren einen variablen Turbolader, der auch keine Beschleunigungsprobleme in den unteren Drehzahlen mehr macht und den unvergeßlichen Ruck vermeidet, der bei den ersten Turbo-Fahrzeugen immer bei rund 1.400 U/min kam und das Auto vehement nach vorne drückte. Und außerdem wurden die Literleistungen, die in den erwähnten 70er-Jahren bei Rennmotoren bei max. 100 PS lagen, mit den Jahren so deutlich erhöht, daß heutzutage Alltagsmotoren bereits diese Leistungen aus einem Liter Hubraum problemlos bewältigen, und zwar über Jahre und zigtausende Kilometer hinweg.

Insofern ist der Audi TT ein gutes Beispiel für die hohen Erwartungen, die man heute an ein Auto, seine Fahrleistung und gleichzeitig die Wertbeständigkeit stellen kann. Allerdings ist die Fahrzeugausstattung eines TT aus Ingolstadt und fast fünfzig Jahre später um sphärisch besser. Bei Audi  gehören nicht nur zahlreiche Assistenten fürs erleichterte Fahren dazu, sondern auch eine Navigationsanzeige über das gesamte Sichtfeld hinter dem Lenkrad. Drehzahlmesser und Tacho sind nur verkleinert eingeblendet, sonst ist ein riesiger Bildschirm mit Kartendarstellung in Kameraperspektive zu sehen. Dort lassen sich bei entsprechender Vergrößerung nicht nur einzelne Häuser sehen, sondern z.B. bei der Vorbeifahrt an einem Steinbruch auch die Serpentinen hinunter auf den 100 Meter tiefer liegenden Grund des Abbaubetriebes. Daneben gibt’s natürlich alle wichtigen Fahr- und Fahrzeuginformationen eingeblendet, Naviführung, Verkehrszeichendarstellung und Geschwindigkeit sogar nochmal per Headup-Display auf die Frontscheibe.

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Foto: Audi

Was wahrlich ein Riesensicherheitsvorteil ist, weil diese wichtigen Daten immer im Blickfeld des Fahrers sind, der sich so auf die Straßen konzentrieren kann und dennoch diese Daten immer im Auge hat. Wäre eigentlich mal einen Dieselring für Straßenverkehrssicherheit des VdM wert.

Zu den Fahrleistungen des TT muß nicht mehr viel gesagt werden, bei höherer Geschwindigkeit und offenem Verdeck spürt man sie sowieso an den Haaren oder am immer lockerer sitzenden Kopfschutz. Kein Wunder, ist doch auch schon der TT Roadster mit dem „kleinen“ 1,8-Liter Motor mit TFSI-Einspritzung und Turbo ausgestattet, was ihn locker auf 180 PS (132 kW) bringt und ein Drehmoment von 250 Nm zwischen 1.500 und 5.000 U/Min – einer optimalen Drehmomentspanne, von der man früher bei den langhubigen großen Alfa Romeo-Motoren noch geträumt hat. Und fährt man den stärkeren Bru-der TTS mit quattro-Antrieb, kommt man sich in den Kurven zwischen Odenwald und Altmühltal vor wie in einem Gokart für die kleine Rundstrecke. Immer mit dem Fuß auf dem Gas und immer dicht am Boden sicher und schnell auch durch enge Kurven.

Schade also, dass der Sommer nicht länger dauert. Noch mehr schade, dass für Fahrberichte zwei Wochen Frischluftgenuß reichen mußten.

mpp

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Foto: Audi

Die wichtigsten Daten des Audi TT Roadster 1,8 TFSI

  • Länge/Breite/Höhe 4.177 / 1.832*/ 1.355  mm *) ohne Spiegel!
  • Radstand 2.505 mm
  • Leergewicht 1.300 kg
  • Zuladung 320 kg
  • Kofferraum 280 l
  • Reihenvierzylinder mit TFSI-Direkteinspritzung und Turboaufladung
  • Hubraum 1.798 ccm
  • Leistung kW/PS 132 (180) / 5.100 - 6.200 U/min
  • maximales Drehmoment 250 Nm bei1.250 - 5.000 U/min
  • Beschleunigung auf 100 km/h 7,2 Sekunden
  • Vmax 237 km/h
  • EU-Normverbrauch im Mittel 6,0 l , Testverbrauch 7,8 l
  • Tankinhalt 50 l,
  • Abgasnorm Euro 6
  • CO2 Ausstoß: 140 g/km

Preis der Basis-Ausführung des Testwagens:  ca. 31.200 Euro
Preis der sonderausgestatteten TW-Ausführung: ca. 52.000 Euro

Stand 08/2016

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